Glaube besetzt Berge

> Eva Lehnen

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9/2012
Vor dem Papstbesuch: Eine Wanderung zu den stillen Klöstern des Libanon


Schwester Lina stößt eine niedrige Holztüre auf. Es ist dunkel, der Lichtkegel ihrer Taschenlampe wandert über den grauen Steinboden der Klostergruft, tastet sich über ein Holzgestell in der Raummitte, gleitet über einen gläsernen Deckel und strahlt einem Toten mitten ins Gesicht. „Hier ist er", sagt Lina, ganz so, als würde sie uns einen alten Bekannten vorstellen. Patriarch Youssef Tyan, gestorben 1820. Wie Pergamentpapier spannt sich die getrocknete Haut über die Wangenknochen, die Augenhöhlen sind ausgetrocknet, die Ohren zusammengeschrumpft. Der Tote ist auf ein rotes Tuch aus Samt gebettet. Die Farben der mit goldenen Kreuzen bestickten Stola, dem Leichnam feierlich um die Schulter gelegt, sind verblasst.

„Als ich das erste Mal in das Kloster kam, hatte die Mumie noch Barthaare", sagt Schwester Lina. Sie ist eine schmale Frau in Ordenstracht, kurz zuvor hatte sie uns an der Klosterpforte willkommen geheißen. „Aber übereifrige Pilger haben ihr alle Stoppeln ausgezupft und als Reliquien mit nach Hause genommen."

Das Kloster von Qannoubine, im Jahr 375 Stein für Stein an die steilen Felswände des Wadi Qadischa gebaut. Tief eingeschnitten liegt das Heilige Tal in die nördlichen Berge des Libanon. Kein Reisebus, kein Auto bringt einen an die Klosterpforte. Wer hierherkommen will, muss zu Fuß gehen. Und nimmt als Andenken an diese so besondere wie strapaziöse Reise schon mal die Bartstoppeln des Patriarchen mit.

Das Qadischa-Tal liegt fernab der Städte an der levantinischen Küste. Über ein Jahrtausend lang siedelten hier Tausende von christlichen Mönchen. Sie bauten Klöster, Kirchen und Felshöhlen, in denen sie sich im Laufe der Geschichte vor ihren Verfolgern versteckten, den Römern, Mameluken und den Steuereintreibern der Osmanischen Herrscher. „Kein Ausblick hat meine Seele je so berührt", schrieb der französische Dichter und Orientreisende Alphonse de Lamartine im 19. Jahrhundert über den Moment, als er in die Qadischa-Schlucht hinabblickte. Auch wir werden ganz still, als wir mit Rucksäcken auf den Schultern an deren Rand stehen. Steil fallen die ockerfarbenen Felswände in die Tiefe, unter uns kreisen Schwalben. Wir blicken hinab auf eingefallene Steinhäuser und Ställe. Feigen- und Olivenbäume wachsen daraus hervor, die alten Ackerterrassen sind von Unkraut und wildem Wein überwuchert.

Zwischen knorrigen Steineichen führt ein kurviger Trampelpfad vom Dorf Dimane hinab in den südlichen Teil der langgezogenen Schlucht. Pinienzapfen kullern um unsere Füße. Irgendwo in der Nähe donnert ein Wasserfall in die Tiefe. Ansonsten: Stille. Mitten auf dem Weg liegen zwei Stachelschweinborsten.

„Seht zu, dass ihr spätestens um 18.30 Uhr unten seid", hatte Schwester Lina gesagt, als wir sie einige Tage zuvor aus Beirut angerufen hatten, um eine Übernachtung im Kloster zu buchen. Früher waren in Qannoubine ausschließlich Pilger als Gäste willkommen, doch Schwester Lina gibt auch einfachen Wanderern Quartier.

Während unseres Abstieges zum Kloster versuchen wir die Höhlenlöcher rechts und links in den Felswänden zu zählen, in denen einst die Einsiedlermönche hausten. Männer, die aus der ganzen Region in das Tal gekommen waren und ihre täglichen Gebete und Schriftstudien nur unterbrachen, um sich um ihre Gemüsebeete zu kümmern. Kartoffeln, Kohl, Bohnen, sie brauchten nicht viel. „Wenn man die Echtheit und Wärme echten Glaubens erleben möchte, vernünftige Autorität, Armut, die nicht gelogen ist, und Würde, die nicht prahlt", hatte der Orientreisende Lamartine geschrieben, „dann muss man in den Libanon kommen zu den Maroniten." Die Maroniten stellen bis heute die größte christliche Gruppe im Multikonfessionsland Libanon. Benannt nach dem Heiligen Maroun, einem Eremiten und Priester aus dem vierten Jahrhundert.

Wir haben wieder Schwester Lina im Ohr. „Wenn ihr ganz nach unten ins Tal abgestiegen seid, müsst ihr den Fluss überqueren. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zum Kloster." Auf der alten römischen Brücke, die sich im Bogen über den Fluss spannt, halten wir inne. Helles Glockengeläut vermischt sich mit dem Rauschen des Wassers. Qannoubine? Am Hang über uns erblicken wir ein Gebäude. Wäre der Glockenturm nicht, man würde dahinter ein geräumiges Bauernhaus vermuten, nicht aber den einstigen „Vatikan" maronitischer Christen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war das Qannoubine- Kloster der Sitz der maronitischen Kirchenoberhäupter. Youssef Tyan, dessen bartloser Leichnam in der Klostergruft ruht, war einer der letzten Patriarchen, die hier ihren spartanischen Amtssitz hatten, bevor dieser an die Küste verlegt wurde.

In dem alten Klostergemäuer riecht es nach Weihrauch. Jahrzehntelang war Qannoubine verlassen und verfiel. Seit 1999 wird es von zwei Antoninen-Schwestern, Lina und Martha, bewirtschaftet. „In diesem Jahr sind wir zum ersten Mal sogar den ganzen Winter über hiergeblieben", sagt Lina. Sie zeigt uns unsere Schlafstatt. Eine schmale Mönchszelle im Klosterkeller, zwei Einzelbetten stehen darin, auf jeder Matratze ein Satz Bettwäsche. Durch den schmalen Fensterschlitz fällt das Abendlicht in den Raum. Bitterkalt muss es sein, wenn im Winter der Schnee fällt und das Quadischa-Tal so zugeschneit ist, dass nicht einmal der Priester durchkommt. Jeden Sonntag liest er in der kleinen Klosterkirche aus der in rotes Leder gebundenen Bibel und feiert mit den Schwestern und ein paar Pilgern die Liturgie auf Arabisch.

Schwester Lina bittet uns in der Klosterküche zu Tisch. Sie serviert Mujaddara, ein libanesisches Gericht aus Linsen, Reis und Zwiebeln. Während wir essen, erzählt Schwester Lina von früher. Wie im ganzen Tal die Weihrauchwolken standen und langsam die Felswände hinaufzogen. „Ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen, um Gott nahe zu sein." Schwester Lina verabschiedet sich zum Nachtgebet, wir treten hinaus auf die Terrasse. Im Tal breitet sich die Dunkelheit aus, über uns spannt sich der Sternenhimmel. Man muss kein religiöser Mensch sein, um hier andächtig zu werden. Flackernde Kerzen, die Schwester Lina im Klostergang für uns aufgestellt hat, leuchten uns den Weg zurück in unseren Schlafraum.

Der nächste Morgen ist ein Sonntag, Pater John, ein Exil-Libanese aus Australien, hält den Gottesdienst. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf auf der anderen Talseite. Ioannes riefen sie ihn damals auf Arabisch. Bauern die Eltern und Großeltern. Seine libanesische Heimat hat Pater John auch am anderen Ende der Welt nie vergessen. Im weißen Talar umrundet er den Altar. Lina und Martha und einige Gläubige aus der Gegend, die am Morgen zum Kloster hinabgewandert sind, sitzen ins Gebet versunken in den Bänken. Schwester Lina lächelt milde, als eine Verwandte des Paters mitten in der Predigt die Kamera zückt. Wenn es schon keine Bartstoppeln mehr gibt, dann wenigstens dieses Andenken.

Nach dem Gottesdienst schickt sie uns nach Hawqa. Dort soll der letzte Einsiedlermönch leben. Ein felsiger Pfad führt parallel zum Fluss immer weiter in die Schlucht. Auf der anderen Talseite steht zwischen den Ackerterrassen und ein paar verlassenen Gehöften eine kleine Kirche. Mehrere Male bleiben wir stehen und suchen mit den Augen die Felswand vor uns ab. Doch erst als wir schon fast vor der schweren Holztüre stehen, die in den kleinen Innenhof des Klosters führt, entdecken wir die Einsiedelei. Mit geducktem Kopf treten wir in die winzige Kapelle. Kerzenlichter flackern vor einem Bild des Heiligen Charbel, den nicht nur Christen verehren, sondern auch Schiiten. Auf dem Altar haben Besucher Passbilder, Ausweise und Führerscheinpapiere von Familienangehörigen abgelegt und Genesungswünsche und Gebete auf kleine Zettel gekritzelt.

Drei ältere Libanesinnen mit Rosenkränzen sitzen auf den Bänken. Doch vom Hausherrn ist nichts zu sehen. Die Tür zu seiner Stube ist fest verschlossen. Ein rostiges Schild ermahnt Besucher, nicht zu stören. Über der Mauer im Klosterhof liegen feuchte Feudel in der Sonne zum Trocknen. Es sieht aus, als hätte der Hüter von Hawqa soeben erst seinen Hausputz beendet.

Die Frau, die den Einsiedlermönch am häufigsten zu Gesicht bekommt, heißt Thérèse Hanna. Hoch über dem Felsenkloster von Hawqa liegt ihr kleiner Kiosk. Ein bis zwei Mal pro Woche steigt sie Hunderte von Stufen hinab in das Qadischa-Tal, um dem Einsiedler Saft und Wasser zu bringen. Hanna bittet uns auf das Kiosk-Sofa. Während sie Weinlaub in Einmachgläser füllt, erzählt sie uns die Geschichte des Hawqa-Mönchs. Der trägt einen wenig libanesischen Namen, Diego Escobar, und ist ein Endsiebziger mit grauem Rauschbart und schwarzer Kutte. Einst recht vermögend, kam er aus Kolumbien in den Libanon. Zuerst lebte er bei den Mönchsbrüdern im Qozhaya-Kloster, am nördlichen Talausgang des Qadischa-Tals, wo seit 1584 in einem prächtigen Klosterbau die älteste Druckerpresse im Nahen Osten gehütet wird. Vor zwölf Jahren ist Escobar schließlich nach Hawqa in die Einsamkeit gezogen. Immerhin hat er nun ein Funkgerät, das ihm der Abt von Qozhaya neulich aus Sorge aufgedrängt hat.

„Escobar ist ein zäher Bursche", sagt Hanna und holt uns ein Tablett mit Wassermelone. „Er isst nur einmal am Tag, Punkt 18 Uhr. Kein Fleisch, kein Olivenöl, sondern nur das, was im Garten wächst. Mit Einbruch der Dunkelheit legt er sich schlafen bis Mitternacht. Um zwei Uhr nachts, wenn das Tal in tiefer Dunkelheit liegt, feiert er die Heilige Messe. Ganz für sich allein." Eben so, wie es schon vor Jahrhunderten die Mönchen hier im Heiligen Tal taten.