Im Patriotentreff geht es demnächst linksherum

» Klaus Werle

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Januar 2003

Lange litten die Bürger von Ehringshausen und Wölfersheim unter ihrem Image als Hochburgen der NPD. Jetzt haben sie mit Erfolg die rechte Szene zurückgedrängt.

Es waren exakt 0,2 Prozent, die Eberhard Niebch die Idylle versauten. Zwölf Jahre lang war er da schon Bürgermeister von Ehringshausen, ein geruhsamer Job in der Gemütlichkeit des Lahn-Dill-Kreises. Dann kam die Kommunalwahl 1997, und von seinen 9.000 Ehringshausenern wählte mehr als jeder fünfte die rechtsradikale NPD. Um genau zu sein: 22,9 Prozent. Bundesrekord. Pech für Niebch: In der Gemeinde Wölfersheim in der Wetterau, bis dato bekannt als Hochburg der Nationaldemokraten, zählte man 0,2 Prozent weniger. Plötzlich hatte der parteilose Niebch ein Problem, denn jetzt hatten die Medien ihre Geschichte: die Geschichte von Ehringshausen, „Deutschlands braunstem Dorf”, wie der „Spiegel” formulierte. Für RTL und Sat.1 und ungezählte Zeitungsjournalisten ein gefundenes Fressen.

Niebchs Problem, über das er im Rathaus zwei dicke Ordner hat anlegen lassen, lag lange Zeit direkt vor seiner Haustür. Nur einen Steinwurf von dem mit Giebelchen und Balkonen geschmückten Rathaus wohnten Alfred und Doris Zutt. Über ihrem „Patriotentreff” wehte die schwarz-weiß-rote NPD-Fahne; es gab Deutschrock zu kaufen, Parfüm („Der herbe Duft vom großen Reich”) und Bücher mit Titeln wie „Angeklagt: Das deutsche Volk”. Drinnen saßen die Zutts, sprachen vom „Mitgefühl für die Volksgeschwister” und schimpften über den Bürgermeister, den „charakterlosen Lumpen”. Dann hat Niebch Ernst gemacht. „Wir haben’s geschafft, die sind wir los”, sagt er zufrieden. Lange haben er und die Mehrheit der Dorfpolitiker die Zutts, die längst eine Art Kristallisationspunkt der rechten Szene bildeten, „nicht so ernst genommen”; vor einigen Jahren wurde Doris Zutt sogar zur Vorsitzenden des Umweltausschusses gewählt. Im Gemeinderat forderten die Rechten, Grundbesitz in Zukunft nur noch Deutschen zu gestatten und 500 Mark Prämie für jedes Neugeborene zu zahlen – natürlich nur an deutsche Familien.

Irgendwann beschloss Niebch, derlei nicht mehr hinzunehmen. Im Gemeindeetat wurden 5.000 Euro zur „Demokratieförderung” bereitgestellt. Niebch und eine große Koalition aus SPD, CDU und Freier Wählergruppe (FWG) unterstützten damit „Rock gegen Rechts”- Konzerte, Schulprojekte wie Fahrten ins Konzentrationslager Auschwitz und Podiumsdiskussionen gegen rechte Gewalt. Vor Wahlen ließen die demokratischen Parteien offene Briefe verteilen und in der lokalen Zeitung drucken. Mit Erfolg: Bei den Kommunalwahlen 2001 fiel die NPD in Ehringshausen auf 7,1 Prozent. Niebch freute sich: „Die haben wir runtergedrückt.” Von ihren sieben Sitzen im Gemeinderat verloren die Nationaldemokraten fünf. Nur noch Alfred und Doris Zutt saßen in dem Gremium. Doch weil die NPD auch mit sieben Prozent noch Anspruch auf einen Sitz im Gemeindevorstand gehabt hätte, änderten SPD und CDU und FWG kurzerhand die Regeln: Die Anzahl der Mitglieder im Vorstand und in den Ausschüssen wurde reduziert, so daß die NPD leer ausging. Seitdem ging es in Ehringshausen stetig bergab mit ihr: Im Patriotentreff war immer weniger los, die Parteipostille „Klartext” erschien immer seltener.

Vor einigen Tagen feierte Niebch seinen größten Triumph: Die Zutts übergaben ihm ihren Hausschlüssel – und zogen aus. Zunächst zum Schwiegersohn in den nicht weit entfernten Ortsteil Daubhausen. Ihren Handel mit CDs, Büchern und Fahnen werden sie wohl ins mecklenburg-vorpommersche Waren verlegen, wo sie vor einiger Zeit bereits eine Filiale eröffneten.Wo der Patriotentreff stand, ist jetzt ein Kreisverkehr geplant.

Ganz soweit ist Joachim Arnold noch nicht. Der SPD-Bürgermeister von Wölfersheim im Wetteraukreis weiß nur zu gut, was Kollege Niebch durchmacht: Die NPD-Erfolge, die Medien, das schlechte Image. In Wölfersheim kennt man auch die besorgten Anfragen potentieller Neubürger: „Wie ist das denn mit den Rechten in Ihrem Dorf?” Und die Absagen potentieller Investoren. Wie Niebch hat es auch Arnold auch langsam satt, immer wieder von neuem zu betonen, daß sein Ort „kein braunes Nest” sei. Dieser Ort, 9.500 Einwohner, in dem noch Teile der Stadtbefestigung stehen und in dem alles ist wie überall.

„Das mit den Rechten war doch schon immer so”, meint ein junger Mann mit Rucksack, „der Sachs gibt vor den Wahlen halt Lokalrunden aus, das ist alles.” Glaubt man Joachim Arnold, dann steht „der Sachs” für „die NPD”. Gemeint ist Volker Sachs, gebürtiger Wölfersheimer und lange Jahre Betriebselektriker bei PreussenElektra. Sachs sitzt für die NPD in der Gemeindevertretung, die vierköpfige Fraktion ist quasi sein Familienunternehmen: Neben Volker Sachs gehören ihr Ehefrau Irma und Schwägerin Ursula Sachs an. Der Fraktionsvorsitzende hat etwas von einem freundlichen alten Opa, und er ist es auch, der das NPD-Wählen in Wölfersheim hoffähig gemacht hat. Sachs ist einer, der jeden freundlich grüßt, mit allen ein kleines Schwätzchen hält, „e gude Kerl” und „patente Mann”, wie die Frau mit der Einkaufstasche sagt: „Man sieht ihm die Partei ja nicht an.”

Wie die Zutts in Ehringshausen, die sich auf Dorffesten tummeln und in den Kneipen den Kontakt zur Bevölkerung suchen, hat Sachs es geschafft, seine Person und die Partei, für die ersteht, in der Wahrnehmung der Wähler zu trennen. Das fällt leicht in kleinen Orten, wo die dörfliche Nähe dafür sorgt, daß die rechte Partei wie der biedere Mann von nebenan erscheint.Wer da zuviel Aufhebens um die Sache mit den Rechten macht, gerät schnell unter die Räder. Arnolds Vorgänger Hugo Fröhlich, auch er SPD, versuchte verbissen, Sachs zu bekämpfen – und stieß auf eine Mauer der Solidarität mit „unsere Wölfersheimer Bub”, die Volker Sachs nur noch populärer machte.

Sein Nachfolger glaubt, daraus die richtige Lehre gezogen zu haben. Aggressive Vorwärtsverteidigung, wie sie Niebch in Ehringshausen praktiziert, ist Arnolds Sache nicht. Er setzt auf eine Strategie der Nichtbeachtung und auf ernsthafte politische Arbeit. Denn, versichern Niebch und Arnold unisono, das Phänomen der NPD sei in allererster Linie ein Personenphänomen. Niebch verweist auf die Daten, die so gar nicht zum gängigen Klischee passen: die niedrige Arbeitslosenzahl in Ehringshausen, die Stellung des Orts als „zweitfinanzstärkste Gemeinde im Lahn- Dill-Kreis”. Von einer „braunen Tradition”, wie sie der Ehringshausener Pfarrer Jürgen Schlingensiepen als Begründung anführte, will Niebch gleich gar nichts wissen – obwohl im Ort 1933 stolze 79 Prozent die NSDAP wählten. In ganz Deutschland waren es 43,9 Prozent.

Auch Kollege Arnold weist eine Sonderstellung Wölfersheims empört zurück: „Rechtsextreme gibt es auch anderswo. Aber die haben nicht einen wie Volker Sachs, der die Hemmschwelle heruntersetzt. Skinheads würde hier bestimmt keiner wählen.” Arnold, der gern gelassen spricht und sich dabei in seinem Stuhl zurücklehnt, als wolle er den eigenen Sätzen noch einmal prüfend hinterherlauschen, fühlt sich durch die NPD nicht wie Niebch persönlich herausgefordert. Zwar wurden auch in Wölfersheim Wahlaufrufe gegen die NPD veröffentlicht. Auch hier wurden die Rechten nach den Kommunalwahlen 2001 mit einer trickreichen Taktik aus Ausschüssen und Gemeindevorstand herausgehalten. Aber Arnold setzte auf die ruhige Hand – und auch er hatte Erfolg: Von 22,7 Prozent 1997 sackte die NPD bei den Kommunalwahlen 2001 auf 12,1 Prozent ab. Das Schönste aber für beide Bürgermeister: Bei den Landtagswahlen am 2. Februar tritt die NPD gar nicht erst an.