Das Lausbub-Prinzip

> Klaus Werle

manager magazin, März 2015
Bücher über Finanzkrisen oder den Hochfrequenzhandel machten Michael Lewis zum Schrecken der Wall Street. Seine Masche: Er sucht nach den Außenseitern. Genau das macht seine Erzählungen so explosiv.

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Aktienhandel ist ein bisschen wie Porno: Vielleicht mögen Frauen es, aber längst nicht so sehr wie Männer. Und sie gehen dosierter mit derlei moralisch Grauwertigem um. Deshalb, Michael Lewis lehnt sich zurück, um die Pointe entspannt zu zünden, „sollten nur Frauen an der Börse handeln“. Am besten nette ältere Damen, bevorzugt im riskmanagement: „Ihre Entscheidungen werden langweiliger, aber sozial verträglicher sein.“ Und niemand sollte, zweitens, mit Fonds und Derivaten um sich werfen, der jünger als 35 Jahre ist.

Die Wall Street, dieser Hotspot der Habgier, könnte ein wirklich nettes Fleckchen sein, würde nur Wirklichkeit aus Lewis’ Wunschzettel. Gegen die Fenster von „Saul’s Deli“ in Berkeley klatscht seit Monaten der regen. Nässe und graue Farben, für kalifornische Verhältnisse ist das ein Inferno. Drinnen hat Lewis, studierter Kunsthistoriker, ehemaliger Investmentbanker und aktueller Starjournalist sowie Bestsellerautor, beste Laune.

Was am Rührei mit Salami und Vollkornbrot liegen mag, das er geordert hat. Oder weil das „Saul’s“ mit seinem schwarz-weißen Kachelboden und den Kugellampen unter hohen Decken sein „Basislager“ ist, wie er es nennt. Von hier aus startet sein Lieblingswanderweg in die Hügel oberhalb Berkeleys, hier kann er, wie heute, in Jogginghose, Funktionsshirt und Sneakers aufkreuzen.

Lewis (54), graublaue Augen, zappelig, in dritter Ehe verheiratet, drei Kinder, ist gut gelaunt, weil seine Kolumne für Bloomberg Fortschritte macht. „Acht Dinge, die ich mir für die Wall Street wünsche“, soll er aufschreiben, vier hat er schon. Punkt drei: Niemand, der sich für sehr clever hält, darf im Finanzsektor arbeiten. Viertens: Neue Finanzprodukte sollen erst im Ausland auf Unbedenklichkeit getestet werden. zum Beispiel in Frankreich. „Oder wir können die Griechen bestechen, das für uns zu tun.“

Der Wunschzettel ist satirisch gemeint, weshalb niemand geeigneter für diese Aufgabe sein könnte, als die derzeit spitzeste Feder im Finanzjournalismus. Es ist Lewis’ Überthema. In Büchern, Artikeln, Vorträgen und Talkshows prangert er sie seit seinem Debüt „Liar’s Poker“ 1989 an: die Exzesse, die Abzockereien, den ganzen brachial-elitären Habitus der Börsenmacher. Nicht um aufzudecken, Lewis ist kein kalifornischer Wallraff. „Ich schreibe Bücher nicht, um die Welt zu verändern.“ Treuherziges Südstaatenlächeln. „Sondern weil ich die Geschichten spannend finde.“ Koketterie, natürlich. Als „Flash Boys“ vergangenes Jahr erschien, ermittelte das FBI gegen High-Frequency Trader, das Buchthema. „Der Aktienmarkt ist manipuliert“, sagte der Autor in Talkshows. Nach „The Big Short“ (2010) ließen sich Senatoren von ihm die Finanzkrise erklären. „Boomerang“, die Kapitelreise durch ein krisengeschütteltes Europa, versetzte den Kontinent in Aufruhr.

Lewis’ größte Stärke ist die Fähigkeit, Komplexes simpel und Dröges kurzweilig zu machen. Doch es sind die munter agierenden Protagonisten, die seine Bücher bei aller Faktenfülle so kurzweilig wirken lassen. Lewis beschreibt ihren Charakter, ihre Dialoge, E-Mails, Gedanken. Er macht sie auf Papier lebendig: „Crafting stories rather than uncovering scoops“, analysiert der „Economist“. Die Leichtigkeit, der Fokus auf der Erzählung, so ist seine Non-Fiction explosiver als das übliche Sachbuch, sei es mit noch so viel Schaum vor dem Mund geschrieben. Und ihn macht es neben Malcolm Gladwell zum wohl erfolgreichsten Sachbuchautor der Welt.

Eine gute Geschichte ist die beste Waffe, und je lebendiger sie ist, desto verheerender wirkt sie: Das ist das System Michael Lewis. Ein Erklärer und Entertainer, der zum Schrecken der Wall Street wurde, weil er im Grunde der Schlingel geblieben ist, der ausplaudert, dass die Finanzkaiser gar keine Kleider anhaben.

Die lausbübische Leichtigkeit setzte Lewis als Grundton gleich mit seinem Erstling „Liar’s Poker“ (deutsch: „Wall Street Poker“). Es sind die wild-fröhlichen 80er, als er nach Kunstgeschichte in Princeton an der London School of Economics seinen Master macht und von einem Cousin zum Dinner bei Queen Mum eingeladen wird. Damals schon – charmant, im Preppie-Look amerikanischer Top-Unis, sowie ausgestattet mit der Gabe, „sich aus jeder schwierigen Lage herauszuquatschen“ (seine Mutter) – war Lewis ein mehr als talentierter Dinnergast. So nimmt das Schicksal seinen Lauf, als der Twen, der zuvor mit Pauken und Trompeten durch Bewerbungsgespräche mit diversen Investmentbanken gerasselt war, ausgerechnet neben der Gattin eines Managers von Salomon Brothers zu sitzen kommt.

Goldene Dollar und Telefonsex

Lewis steigt bei Salomon ein. „Eigentlich wollte ich immer Schriftsteller werden“, sagt er, „aber ein guter Autor sollte Erfahrungen im echten Leben haben. Außerdem wollte ich Geld verdienen.“ Also trägt Lewis tagsüber rote Hosenträger mit goldenen Dollarzeichen und verkauft Bonds, abends und nachts schreibt er unter Pseudonym Artikel über Trader, die Kunden übers Ohr hauen und zwischendurch Telefonsexhotlines über die Lautsprecher laufen lassen.

„Michael war ein talentierter Verkäufer mit rascher Auffassungsgabe und dem Talent, andere zu überzeugen“, sagt Tom Bernard, von Lewis in „Liar’s Poker“ als „menschlicher Piranha“ mit einer ausgeprägten Vorliebe für das F-Wort verewigt. Heute sind die beiden Freunde, Lewis hat nette Sätze zu Bernards Buch beigesteuert, in den Bergen um Aspen fahren sie regelmäßig Mountainbike.

Bald ist Lewis einer der jüngsten und bestbezahlten Händler in der Geschichte der Bank, die Chefs prophezeien ihm eine große Karriere. Er könnte jetzt ein „big swinging dick“ werden, wie die besten Trader intern heißen. Aber nach drei Jahren hat Lewis das Gefühl, „es ist besser, die Geschichte aufzuschreiben, statt sie zu leben“. 1989 erscheint „Liar’s Poker“. Kurzweilig und schonungslos beschreibt es die Mischung aus Infantilität, Skrupellosigkeit und gnadenlosem Wettbewerb im Investmentbanking. Faktensatt, anekdotenreich, süffige Akkuratesse. Eine Mischung aus Insiderreport und Schelmenroman. „Da war so eine Freude in seinem Schreiben, eine enorme narrative Energie. Ich wusste sofort: Das wird ein Erfolg“, sagt Starling Lawrence, der Lewis als Lektor bei W. W. Norton seither betreut.

Als Teenager holte sich der heutige Starautor mit seinem ersten Artikel bei der Lokalzeitung „New Orleans Times-Picayune“ noch eine Abfuhr, auch mit „Liar’s Poker“ fing er sich zunächst eine Absage ein. zur Abschlussarbeit in Princeton über den italienischen Bildhauer Donatello sagte sein Professor: „Sie sollten nicht versuchen, Ihren Lebensunterhalt mit Schreiben zu verdienen.“ Lewis ist ein guter Beobachter und exzellenter Vereinfacher: Kritiker bemängeln das bisweilen Holzschnittartige seiner Beschreibungen. In „Boomerang“ etwa sind die Griechen, natürlich, korrupte Hallodris, und die dummen Deutschen zahlen die Zeche. Vielleicht wirkt in Lewis, dem Schriftsteller, noch immer Lewis, der Trader, der als junger Mann in Windeseile die Bondmärkte analysierte – und die schnelle Theorie- und Modellbildung verinnerlicht hat. Wie ausgewogen die Annahmen eines Traders sind, interessiert keinen, solange sie Geld bringen.

Leser schätzen steile Thesen genauso. Für „Liar’s Poker“ bekam Lewis einen Buchvertrag über 24 000 Britische Pfund – ein Scherz im Vergleich zu seinem Bankergehalt. Doch der Titel verkaufte sich bis heute rund eine Million Mal. Auch andere der mehr als ein Dutzend folgenden Bücher übersprangen die Millionengrenze, etwa „The Big Short“, der Report über die Immobilienblase, oder „Moneyball“, das Buch, das den Baseball veränderte. „Die Mischung aus Insiderinformationen, Expertenwissen und plastischen Charakteren ist einzigartig, gerade im Finanzsektor, wo Lewis dem generellen Unbehagen der Leser eine starke Stimme gibt“, sagt Thomas Carl Schwoerer, Eigentümer des Campus Verlags, der einige Lewis-Werke auf den deutschen Markt gebracht hat.

„Moneyball“ und das Football- Werk „The Blind Side“ wurden verfilmt; die Rechte an „The Big Short“ haben sich Paramount Pictures und Brad Pitt gesichert, Hauptdarsteller in „Moneyball“. Auch „Flash Boys“ und „Liar’s Poker“ sollen auf die große Leinwand kommen.

Lewis arbeitet weiterhin auch als Journalist, vor allem als Reportageautor für „Vanity Fair“. Laut briti- schem „Independent“ beträgt sein Honorar als Gastschreiber zehn Dollar – pro Wort. Tritt er als Redner auf, in Stadien ebenso wie in geschlossener Gesellschaft vor Hochkarätern aus Wirtschaft und Politik, werden schnell 100 000 Dollar und mehr fällig. „Die Leute mögen es, wie Michael mit ihnen interagiert. Sein Interesse an ihren Fragen ist echt, er bleibt einfach Journalist“, sagt Don Epstein. Der CEO der New Yorker Redneragentur Greater Talent Network sprach Lewis Ende der 80er in der Londoner Tube an. Epstein erwähnte ihren gemeinsamen Freund Tom Wolfe und kam dann gleich zum Wesentlichen: „Es gibt ein riesiges Bedürfnis auf dem Rednermarkt für Sie.“

Bücher, Filmrechte, Artikel, Vorträge – Lewis dürfte ein deutlich siebenstelliges Jahreseinkommen verdienen. So wie er das „Saul’s“ als Fixpunkt für Lunch mag (und das unweit gelegene „César“ für gelegentliche Drinks), schätzt er im Geschäft das unaufgeregt Bewährte: Mit seinem Lektor Lawrence, Redenvermittler Epstein oder seinem Agenten Al Zuckerman von der New Yorker Agentur Writers House arbeitet er zum Teil seit Jahrzehnten zusammen. Sein Geld managt er selbst, gern kauft er konservative Indexfonds. Zum Schreiben zieht sich Lewis in ein Gartenhäuschen auf seinem Grundstück zurück, im Urlaub wandert er oder fährt Rad.

Die Unaufgeregtheit ist ein harter Kontrast zum Sujet vieler seiner Bücher, das ihm in Hassliebe verbunden scheint: die schrille Exaltiertheit der Hochfinanz, ihr Lifestyle, ihre Macht und ihr Geld. Statt als Banker ein Vermögen zu verdienen, macht er sein Vermögen, indem er über Banker schreibt. Diese erfreuliche biografische Volte ist eine Bedingung, die erfüllt sein muss, um das System Lewis am Laufen zu halten. Der „ökonomische Kriegsberichterstatter“ („Die Zeit“) recherchiert und schreibt allein, ohne Mitarbeiter oder Team. „Meine Art der Recherche kann ich nur betreiben, weil ich viel Zeit habe. Und ich habe viel Zeit, weil ich viel Geld habe“, sagt er unverblümt.

Das System baut auf die Kraft seiner Protagonisten, Lewis hat daraus eine literarische Marke gemacht, ähnlich wie Truman Capote oder Tom Wolfe. „Viele nehmen ihn nur als Businessautor wahr, aber seine Themen sind viel breiter“, sagt Lektor Lawrence. Profisport, Washington, Silicon Valley: Im Grunde schreibt Lewis Biografien, deren Schauplätze, wie auch die hochgezüchtete Finanzindustrie, in der „arena of ambition“ (Lewis) liegen. Ebenfalls nicht gerade unambitioniert ist der Autor selbst, wobei ein Großteil seines Ehrgeizes dafür draufgeht, den Erfolg möglichst lässig rüberzubringen.

Rivalitäten, Konkurrenzkämpfe, Intrigen, konzentriertes Testosteron, wer die Alphamänner, die Lewis’ Bücher bevölkern, so plastisch beschreiben will, dass Leser dem Charakter auch durch die Untiefen von Credit Default Swaps und Hochfrequenzhandel folgen, muss ihnen nahe kommen. Sehr nahe. Und sehr lange. „Für Wochen oder Monate werde ich praktisch Teil ihres Lebens“, sagt Lewis.

Mit Billy Beane, dem Manager des Baseballteams Oakland Athletics, ist Lewis heute befreundet, weil er vor Jahren viele Monate in den Büros im Coliseum in Oakland verbrachte. Dort sitzt jetzt Beane, Hemd aus der Jeans, randlose Brille, Dreitagebart, in seinem mit Pokalen und Familienfotos vollgestopften Büro und erinnert sich an die turbulenteste zeit seines Lebens. Kurz nach der Jahrtausendwende versuchte er das Unmögliche: mit wenig Geld eine Mannschaft zusammenzustellen, die oben mitspielen konnte. Statt auf knorrige Scouts vertraute der Manager auf computergestützte Statistiken: „Wir nutzten das Missverhältnis zwischen gefühltem und tatsächlichem Spielerwert aus.“

Beane kaufte Spieler, die sonst niemand wollte, Altgediente, schwierige Charaktere. Und hatte Erfolg. Ein Arbitrage-Manöver, nur im Sport statt an der Börse.

Beane war ein Maverick, einer der gegen das System spielt, obwohl er ein Teil davon ist. Lewis hat eine Schwäche für solche Außenseiter, nicht aus Sympathie, sondern weil sie die besten Geschichten liefern und gern kritisieren – was die Demaskierung eines Systems wesentlich erleichtert. Es ist ein Autorentrick, aber ein guter. Die 15 Minuten, die Beane Lewis zunächst zugestand, vervielfachten sich. Er hörte zu, wie Beane über Spielerkäufe verhandelte, er half die Daten zu analysieren, manchmal schlief er auf dem Sofa. „Er war praktisch ein unbezahlter Kollege, es machte Spaß, ihn um sich zu haben“, sagt Beane. Der Autor war dabei, als es die „A’s“ mit Beanes Methoden in die Play-Offs schafften. „Moneyball“, eine als Baseballbuch getarnte Managementlektüre, wurde der bis dahin größte Erfolg des Schriftstellers. Und Beane, wie viele seiner Protagonisten, selbst ein gefragter Redner.

Zwei Eigenschaften, sagt Lewis und ordert noch einen Latte, sind für Investmentbanker und Journalisten kriegsentscheidend. Eine gute Geschichte erzählen zu können: „Nimm einen Haufen Fakten, und verwandle sie in eine spannende Erzählung – das ist Verkaufen.“ Zweitens: „Eine Person sein, mit der man gern zusammen ist.“ Lewis fällt das leicht. Vater Anwalt, Großvater Richter, er kommt aus der oberen Gesellschaft von New Orleans, ist charmant, schnell im Kopf, ein guter Anekdotenerzähler und sieht obendrein ganz passabel aus. Seine Haltung ist die eines Menschen, der auf die Frage, was das Schlimmste sei, das ihm jemals passiert ist, nur halb im Scherz geantwortet haben soll: „Dass ich nicht zum Präsidenten des Ivy Clubs in Princeton gewählt wurde.“

Zum Gefälligkeitsschreiber macht ihn das nicht. Im Gegenteil: Die Hauptpersonen in „The Big Short“, wie Steve Eisman, Michael Burry oder Greg Lippmann, kommen in dem Hedgefonds-Sittengemälde nicht gerade als Sympathieträger rüber. Burry eher als menschenfeindlicher Soziopath mit Asperger-Syndrom, Eisman als Dauerflucher mit Hang zu peinlichen Situationen und Deutsche-Bank-Händler Lippmann als zynischer Pornobartträger, über den es im Buch heißt: „Das Unkontroverseste, was man über Lippmann sagen konnte, war, dass er kontrovers war.“

Auch diese drei wieder: Mavericks. Smarte Nerds, die logische Lücken finden und von Marktineffizienzen profitieren. In diesem Fall wetteten sie gegen die Immobilienblase, als es kaum ein anderer tat, und verdienten damit viele Hundert Millionen Dollar. Und natürlich sind die drei nicht nur schlau, sondern auch schuldig: „Indem wir den Markt shorteten, schufen wir die Liquidität, die den Markt am Laufen hielt“, sagt Eisman. „Wir fütterten ein Monster, bis es explodierte.“

Akteure wie er lassen sich nicht mit Charme einlullen. Lewis hat mehr als hundert Stunden mit Eisman gesprochen, eine Zeit lang flog er jede Woche nach New York. Er begleitete ihn nach Hause, zu Geschäftsessen, er hatte Zugang zu seinen E-Mails. Und wenn er mal bei einer Sache nicht dabei war, ließ er sie sich von allen Beteiligten schildern und spielte sie ihnen dann vor: War es so? Hast du das und das dabei gedacht? Warum hast du dieses oder jenes gesagt?

Seinen Protagonisten gegenüber, sagt Lewis, spiele er mit offenen Karten. Menschen wie Eisman und Lippmann wurden ausgelacht und verspottet; sie wissen, dass sie sozial, nun ja, schwierig sind. „Deshalb wollen sie nicht schmeichelhaft beschrieben werden, sondern authentisch.“ Ihre persönlichen Erzählungen enthüllen eine größere Wahrheit – im Fall von „The Big Short“, wie das Zocken mit Immobilienkrediten die Welt an den Rand des Abgrunds brachte. So funktioniert das Lewis-System.

Die Schlauen sind am schlimmsten

War „Liar’s Poker“ noch Komödie, ein Whistleblower-Report ohne moralische Entrüstung, dann ist „The Big Short“ die Tragödie: Erst haben alle Spaß und verdienen ein Heidengeld, bis alles zusammenbricht. „Unser Finanzsystem ist Wahnsinn. Nach ,Liar’s Poker‘ wartete ich viele Jahre, dass es kollabiert. Aber das tat es nicht“, sagt Lewis, der Mitte der 80er selbst für Salomon ein neuartiges Spekulationsinstrument für Bundesanleihen verkaufte. Er steht jetzt bei „Peet’s“ in der Schlange, dem Urahn aller Coffeeshops, in Berkeley gegründet und Vorbild für Starbucks. Kaffeebohnenduft im Raum, Adventsmusik.

Während Lewis wartet, schreibt er SMS. Eigentlich sollten bald die Dreharbeiten für „The Big Short“ starten, doch die übervollen Terminkalender von Ryan Gosling, Christian Bale und Brad Pitt abzustimmen ist nicht trivial. Und dann sind da noch die Charaktere aus dem Buch, kommunikationsmäßig geht es gerade hoch her. Lippmann, zwischenmenschlicher Interaktion eher abhold, klagt, weil der Regisseur so viel mit ihm reden möchte; Steve Eisman soll sich mit Brad Pitt treffen, ist aber nicht erreichbar. Keine Antwort binnen zwei Minuten – das ist eine neue Erfahrung für den Hollywoodstar. Lewis, auf dessen Smartphone sich alle treffen, vermittelt, beschwichtigt, bringt zusammen. Der Kaffee kommt.

Der Film, das dürfte ausgemacht sein, wird ein Riesenerfolg. „Die Menschen spüren die Bedeutung des Themas. Sie wollen es erklärt kriegen, das ist eine Art Katharsis“, meint Lewis. Nur ist das mit der Katharsis so eine Sache: Mit „Liar’s Poker“ etwa wollte Lewis abschrecken, statt die dunkle Kunst des Investmentbankings zu erlernen, sollten Talente lieber Ozeanograf oder Ingenieur werden. Passiert ist das Gegenteil: Viele Studenten lasen das Buch als Gebrauchsanweisung.

Lewis macht sich wenig Illusionen: „Steve Eisman ist für nicht wenige ein Held – immerhin hatte er den richtigen Riecher.“ Natürlich, Millionen kaufen Lewis’ Bücher und sehen die Filme, „aber als Chef einer Investmentbank wäre mein Einfluss größer. Ich glaube nicht, dass ich das System verändert habe.“ Klar, es gibt ein paar neue Regeln, ein paar Leute sind jetzt reflektierter. Aber die wichtigsten Änderungen blieben aus: „Mehr Transparenz, Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, mehr Macht für die Re- gulatoren. Vor allem mehr Prestige.“

Ein Schlüsselwort. „Wir müssen Amerikas Testosteron in die Finanzaufsicht umlenken. Die Jobs dort müssen der Traum junger, ehrgeiziger Menschen werden“, fordert Lewis. Später wird es Punkt Acht auf seiner Wunschliste für Bloomberg sein. Die Abzockereien, das Gesetz des Dschungels – alles geschenkt und Stoff für gute Storys. Was Lewis, den nonchalanten Geschichtenerzähler, richtig in Rage bringt, ist Wall Street als Karriere-Olymp für Harvard & Co.: „Die Schlauen richten am meisten Schaden an. Und sie fehlen da, wo es wirklich um etwas geht.“

Seit das Silicon Valley der neue Traumort wurde, ist es etwas besser geworden: Nicht mehr Harvard Business School und Goldman Sachs sind jetzt Inbegriff von Überfliegern, sondern Stanford und Uber. Aber nicht lange, fürchtet Lewis: „Wenn der Aktienmarkt wieder fällt, ist das Valley weniger attraktiv. Dann kommt die Wall Street bei den jungen Talenten zurück.“ Vielleicht der richtige Zeitpunkt, mal Pause von der Hochfinanz zu machen. Vor einiger Zeit traf Lewis für „Vanity Fair“ mehrfach Barack Obama, im Weißen Haus, an Bord der Air Force One, beim Basketball. Weitere Gespräche sind geplant, das System Lewis arbeitet wieder.

Andererseits: Auf seinem Nachttisch stapeln sich derzeit Bücher über das Amerika der 20er und 30er Jahre, Lewis arbeitet am Drehbuch für eine Fernsehserie über die Wall Street in dieser Zeit. Eine andere Form, eine andere Epoche, ein bisschen Durchatmen. Wäre da nicht der 24. Oktober 1929. Als „Black Thursday“ löste er die Weltwirtschaftskrise aus.

Der Mann kann einfach nicht die Finger lassen von der Apokalypse.