Der Sand und der Kies (Teil 2)

> Klaus Werle

manager magazin, August 2016
Fortsetzung von Der Sand und der Kies

Selten läuft es so glatt, wenn einer von außen ein Stück vom goldenen Sylter Sandkuchen möchte. Den Neuen Knüppel zwischen die Beine zu werfen hat gute Tradition. Warum denen den Reibach überlassen? Überfüllung, Ausverkauf, Vermassung, tönt es dann schnell. Dirk Erdmann formuliert’s vornehmer: „Ich glaube, wir haben einen Sättigungsgrad erreicht.“

Der heimliche Herrscher von Kampen ist stellvertretender Bürgermeister, sitzt im Finanz- und Tourismusausschuss und ist, vor allem, einer der geheimnisumwitterten „Losinteressenten“. Rund 350 Hektar Kampener Grund und Boden gehört dem Grüppchen – seit es der dänische König Christian VII. den Vorfahren 1771 übereignete. Gegen die Deichgrafen läuft so gut wie nichts, sie beherrschen die Golfklubs, die Rotarier, die Feuerwehr.

Zuletzt kauften sie gemeinsam Land, das nun nicht zur Bebauung freigegeben wird. „Wir sind keine Bonzen, nur ein bescheidener Verein“, sagt Erdmann. Gut gebräunt und von robuster Wesensart, organisierte er einen Verbund von Privathotels, um den Platz an den Geldquellen abzuschirmen. Weitere Konkurrenz: unerwünscht.

Ob die alteingesessenen Deichgrafen und Hoteliers die Natur bewahren oder ihre Besitzstände verteidigen wollen, ist Inseldialektik und für all jene, die gegen die Mauer rennen, auch egal. Immobilienentwickler und „Severin’s“-Macher Zech, der 70 Millionen investierte, musste fünf Jahre um seine Baugenehmigung kämpfen, „man hat mir nicht gerade den roten Teppich ausgelegt“, bleibt er charmant. Claudia Ebert kennt das Spiel. Dem Wella-Spross wurde das Areal des ehemaligen Militärstützpunktes in Hörnum angetragen. 50 investierte Millionen später steht dort das „Budersand“, fünf Sterne, und in Hörnum, einst als die DDR von Sylt verschrien, explodieren die Grundstückspreise. „Ich habe viele Leute im Ort reich gemacht“, konstatiert Ebert nüchtern. Der Dank? „Ich muss aufpassen, dass ich nicht über Steine stolpere.“

Der nächste Investorenkrimi ist schon angerichtet: Genau am anderen Inselende hat Christian Harisch, Chef der Tegernseer Abnehmzentrale „Lanserhof“, das ehemalige Marine-Offiziersheim erstanden. Entstehen soll: ein Super-„Lanserhof“. Neuartiges Gesundheitskonzept, Schwerpunkt auf Herz und Lunge, die Preise noch mal fast ein Drittel höher als am Tegernsee, wo der Mindesttagessatz zwischen 600 und 2700 Euro liegt.

Hundert Millionen Euro will Harisch ausgeben und sieht sich umzingelt von „einer Armada von Themen und Interessen“. Denkmalschutz, Naturschutz, Arbeitsplätze – und die alte Sylter Leier: bitte nichts Großkopfertes. Also erzählt er lieber die Geschichte von seinem Leben als armer Bauernbub.

Der Argwohn der Einheimischen basiert auf der innigen Hassliebe, die sie mit der Welt des großen Geldes pflegen. Ob Harisch, Dommermuth oder Zech: Sylt will die Begüterten – und piesackt sie, wo es nur geht. Sie sind willkommen, weil sie Reichtum mitbringen – und verhasst, weil ihr Reichtum alles verändert und manches sogar zerstört.

Aus dem emotionalen Dilemma retten sich die Insulaner mit kleinen Boshaftigkeiten gegen die Bonzen. Zur prominentesten Zielscheibe der vergangenen Monate wurde Hasso Plattner. Mister SAP, Großmilliardär, stolzer Besitzer eines Kapitänshauses in Keitum und noch stolzerer Vater. Der ließ es sich rund eine Million Euro kosten, so wird kolportiert, die Hochzeit von Tochter Steffi mit Regisseur Ekrem Ergün auszurichten. Am Ellenbogen, dem Naturschutzgebiet im Sylter Norden, wo Filmemacher Roman Polanski seinen „Ghost Writer“ drehte.

Doch wenige Tage vor dem Traumereignis mussten die Zelte eilig wieder abgebrochen werden, Anordnung der Naturschutzbehörde in Husum. Flugs ließ Plattner die Tiefgarage des „Severin’s“ mit tonnenweise Sand in eine Dünenlandschaft verzaubern und sorgte für schalldichte Dämmung – bloß keine Nachbarn provozieren, wenn 200 Gäste auf die Tanzfläche drängen. Einen Gunter Sachs hätte das kaum geschert. Damals war das Stöhnen in den Dünen lauter als manche Musikanlage heute.

Warum das Fest nicht am Ellenbogen steigen durfte – genau weiß es niemand: Fehlte eine Genehmigung? Gab es einen Formfehler? Und vor allem: Wer hat die Behörden überhaupt darauf gestoßen? „Ein Nachspiel“ werde das Ganze haben, zürnt das Plattner-Lager. Der Brautvater grollt. Das Klima ist vergiftet. Plattner hatte noch Glück im Unglück: Die Tiefgarage war immerhin fertig. So weit ist Ralph Dommermuth längst nicht.

Artikel geschrieben zusammen mit Gisela-Maria Freisinger.