Der Sand und der Kies

> Klaus Werle

manager magazin, August 2016
Ursprüngliche Natur, heile Welt und High Society haben die Nordsee-Insel zum Sommercamp der deutschen Wirtschaftselite gemacht. Nun frisst sich der ganze Reichtum selbst, bedroht die teuer erkaufte Idylle. Wird die Sandburg des Kapitalismus vom eigenen Erfolg weggespült?

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Wenn schon nach Sylt, dann richtig. Ralph Dommermuth (52), 1&1-Gründer aus dem Westerwald und inzwischen rund vier Milliarden schwer, hat sich auf der Nordseeinsel ein Haus gekauft. Einer wie Dommermuth will nicht irgendwo wohnen, sondern in bester Gesellschaft, sprich direkter Nachbarschaft zu den Haniels, Herzens, Ottos, Mieles und Porsches – alles Unternehmer auf Höhe seines Kontostands und darüber. Und dafür muss man auf Sylt, coûte que coûte, nun mal diese eine Adresse ansteuern, wo kein Name die Klingelschilder ziert: den Hobooken-Weg in Kampen, Deutschlands teuerste Sackgasse.

Mehr als 20 Millionen Euro machte Dommermuth für sein Haus dort locker, nur der Anschaffungspreis, versteht sich. Den Mythos gab’s gratis obendrauf: allerbeste Wattlage, Denkmalschutz, einst im Besitz von Axel Cäsar Springer, noch früher bewohnt von Verleger Peter Suhrkamp. Für Historie ist also gesorgt in dieser entwurzelten Zeit.

Allein: Der Platz war knapp. Und weil es nun mal keine Genehmigungen für die horizontale Erweiterung des Kleinods gibt, das wie die ganze Insel unter strengem Naturschutz steht, marschierte der Entrepreneur eben in die entgegengesetzte Richtung vor: Die ganz oben schaffen sich ein Sylt ganz unten. Kurzerhand ließ Dommermuth das Haus auf Träger hieven und dann graben, Monat für Monat, mehr als zehn Meter tief, drei Etagen in Richtung Erdmittelpunkt. Ein Fest für die Ingenieure, das aber jede Menge Scherereien macht: genervte Bauarbeiter, erboste Nachbarn, breite, laute Laster auf schmalen ruhigen Wegelein, Grundwasserprobleme, weggeschwemmtes Dünenland, mühsame Wiederaufforstung. Für den Umbau dürften noch mal etliche Millionen zu Buche schlagen.

Anfangs herrschte noch Verständnis (wo, wenn nicht hier!), Lifestyle braucht eben Platz. Irgendwo müssen das Schwimmbad samt Fitnessbereich und die vielen Oldtimer ja hin. Was liegt da näher, als die Karren unterirdisch zu parken und bei Bedarf per Aufzug hochzuholen.

Doch inzwischen ist die Contenance aufgebraucht. Von List bis Hörnum und retour brennt unterm Reetdach Feuer, bei Einheimischen wie Zweitwohnsitzlern, auf Facebook entlud sich ein gewaltiger Shitstorm. Aufgebrachte Bürger starteten gar eine Drohne, um die Tiefbauarbeiten genauer zu inspizieren. Die Empörung in einem Satz: „Unerhört, diese Bonzen glauben, sie könnten sich alles erlauben.“ Es herrscht Streit im Paradies, ein hässlicher Riss klafft im so innig polierten Inselimage. Sylt steht für raue, ursprüngliche Natur, für Reet statt Jetski. Für Exklusivität, Abgeschiedenheit und feinste Society.

Die deutschen Hamptons – so lautet das Versprechen. Über die Jahre wurde der USP übermächtig, omnipräsent auf Heckklappen und in Boulevardblättern. Erst kamen die Künstler, dann die Hipster, jetzt wieseln die Makler um die Mächtigen. Es ist so viel Geld da, dass es das Eiland fast unter Wasser drückt. Natur wird, wie im Hobooken-Weg, modelliert oder von Sponsoren gekapert. Astronomische Immobilienpreise machen aus Exklusivität ein Getto. Das Marketing dreht immer heißer, während die Substanz bröckelt: Sylt, die Sandburg des Kapitalismus. Wird sie weggespült von der eigenen Erfolgswelle?

Es wäre jammerschade. Denn die Insel mit den Konturen einer beschwipsten Tänzerin ist für die deutsche Wirtschaftselite zum Sommercamp geworden, VIP-Lounge und Rückzugsidyll zugleich. „Ich steige aus dem Zug – okay: manchmal auch aus dem Privatflieger – und atme einfach nur durch, jedes Mal ein einzigartiger Moment“, sagt Wella-Spross Claudia Ebert andächtig. „Wir hatten ein Haus auf Ibiza, wenn da 40 Grad sind und kein Wind weht, wird man verrückt“, sagt Kurt Zech, Bauentwickler und Milliardenbeweger aus Bremen: „Auf Sylt komme ich an, und alles fällt von mir ab.“ Clemens Vedder, mit Wohnsitzen in Zürich und Palm Beach und seit 45 Jahren Sommerinsulaner, kennt auf dem Eiland jedes Heidegrasbüschel: „Ich war überall auf der Welt, aber Sylt ist einmalig. Angeber und Windhunde haben hier nichts zu suchen.“

Flora und Fauna zahlen auf das gehobene Image zusätzlich ein: ungestüme Pferde auf satten Weiden, einsame Strände hinter weiten Dünen, wilde Lupinen und der schwere Duft der Rosa Rugosa, der nachts aus den allgegenwärtigen Hecken strömt. Thomas Mann, Gunter Sachs, Susanna Agnelli, Fritz J. Raddatz, Axel Springer – die Ewigenliste der Sylt-Aficionados ist lang, und seit den Anfängen sind die Ingredienzen, aus denen der Mythos gebacken wird, dieselben: Natur, High Society, Authentizität. Plus: keine Russen, keine Briten, die das hanseatisch-nüchterne Ambiente stören, kein Terror dräut im dörflichen Idyll.

Sicher, sauber, getrimmt (vor allem die Hecken): „Vielleicht ist Sylt die deutscheste aller Inseln“, sinniert Dirk Erdmann, formal nur Vizebürgermeister, tatsächlich aber Kampens mächtigster Strippenzieher.

Mehr als 200 Milliarden Euro Vermögen bündeln sich hier zur Sommerzeit, schätzt einer, der gehörig dazu beiträgt; an manchen schönen Tagen drängeln sich 200 Jets auf dem Westerländer Bonsai-Flugplatz. Nahezu jeder, der auf sich hält, buddelt mit an der Sandburg des Kapitals: namhafte Großmillionäre wie die Hellmanns, Linnemanns und Koopmanns, die Milliardäre sowieso (Klatten, Plattner, Haniel, Springer), aus Nord (Rahe) und Süd (Strüngmann), Reeder, Banker, Verleger (nur die Bauers verweigern sich), Sportgrößen (Ex-Tennisprofi Michael Stich, Schalke-Boss Clemens Tönnies, Trainerstar Jürgen Klopp, der gern mal in Shorts und Schlappen zum Bäcker schlurft), Moderatoren (Günther Jauch, Johannes B. Kerner), Werber (Holger Jung, Stephan Rebbe), ein paar Startup-Helden und natürlich das ganze Alphabet von Anlageberater über Schönheitschirurg bis (Promi-)Zahnarzt.

Kleiner Kreis statt große Sause

Die Ansammlung von Großkapital weckt Begehrlichkeiten. Das Eiland ist eine einzige Verknappung und Betongold hier kein flapsiges Modewort, sondern ein gut geölter Wirtschaftszweig, mit Betonung auf Gold. Keine 6000 Häuser stehen auf Sylt, strenge Naturschutz- und Bebauungsrichtlinien halten die Zahl nahezu konstant. 200 gemeldete Makler rangeln um ihre möglichst hoch dotierte Verteilung.

Sylt ist das Pflaster der Einzelkämpfer, Carsten Hagenah der erfolgreichste und scheueste unter ihnen. Er fädelte die meisten Deals mit Preisschildern in zweistelliger Millionenhöhe ein (neben Justus Maus und Tom Kirst). Seit 16 Jahren wirkt er auf der Insel, es existiert kein Foto von ihm im Netz, Interviews gibt er nicht. Jetzt sagt er: „Das Anspruchsdenken ist steil nach oben gegangen.“ Die Klientel gebe sich nach außen bescheiden, lebe aber nicht mehr danach.

Im bundesweiten Vergleich für Immobilien ab einer Million Euro, so eine Studie der Maklerfirma von Poll, liegt die Insel mit rund 330 Millionen Euro Transaktionsvolumen (2015) auf Rang vier, vor Frankfurt, vor Starnberg, vor dem Hochtaunuskreis. Für den größten Umsatzbatzen sorgen die Käufer von Vier-bis-fünf-Millionen-Euro-Häusern. Bei Investor Joachim J. Linnemann (Atlantic Hotels) gab’s Ende Juni nach langer Suche endlich einen Champagner-Toast auf die neue Ferienadresse in Keitum, zweite Reihe Watt, vier Millionen Euro schlüsselfertig.

Einheimische wie Sylt-Anwärter, alle kennen die Gier eines Marktes, dessen Preise seit mehr als 40 Jahren steigen. Wo jeder hofft, Omas Häuschen für einen siebenstelligen Betrag loszuschlagen, an Leute, die darin maximal vier Wochen im Jahr leben. Wo mangels Platz nach unten gebaggert wird, was ein gewisses Tageslichtproblem mit sich bringt, weshalb auf Sylt der Beruf des Lichtschachtmalers bestens gedeiht: Der zaubert Dünenlandschaften oder Leuchttürme in die betongrauen Sonnenschneisen.

Bezahlt wird meist aus dem Guthaben. „Welche Bank sollte hier finanzieren, wie soll man hier rational mit Bodenwertrichtlinien arbeiten?“, fragt Martin Weiß, der von-Poll-Statthalter, rhetorisch. Nein, derlei kleinbürgerliche Messinstrumente hat der Sylter Immobiliensektor längst hinter sich gelassen. Vor allem in der Marktspitze, wo 30 000 bis 35 000 Euro pro Quadratmeter für ein Reetdachhaus hingeblättert werden, in 1-a-Lage auch schon mal 50 000 Euro („Masurenhof“). Hauptsache Dünen, besser noch: Wattblick. Mit dem Vorteil, nicht so auf dem Präsentierteller zu hocken wie in Mallorcas Port d’Andratx. Sylt, das teuerste Understatement.

Das ganze Geld, der ganze Aufwand – oft nur betrieben für ein paar Wochen, in der Summer-Primetime zwischen Mitte Juli und Ende August. Den Rest des Jahres fristet Kampen meist ein mehr als beschauliches Dasein, vermietet werden die Luxusdomizile nicht, wer braucht schon das Geld? Lieber lässt man pfiffige Dienstleister Kinderspielzeug auf verlassenen Rasenflächen verstreuen, das Licht ein- und ausschalten oder Musik spielen, um Leben zu simulieren.

Während der Sylter Festspielwochen aber erreicht das gesellschaftliche Stühlerücken seinen Höhepunkt. Morgens Golf, am besten auf Deutschlands exklusivstem Grün, dem Morsumer Golfklub, mittags Beachball an „Buhne 16“, vielleicht „Sansibar“, dann Feier in kleinem Kreis – so geht der Nordseesommerrhythmus. „Insel-Golfs“ (aka Porsche Cayenne) stehen Stoßstange an Stoßstange, Rugbyshirts tragende Grüppchen von südlich des Mains ordern Champagnerflaschen im Dutzend.

Wer mitfeiern will, wo einst die Bismarcks, Krupps, Flicks und Sachs Party machten, im „Gogärtchen“, im „Rauchfang“, der „Sturmhaube“, dem „Roten Kliff“, lässt die Sekretärin am ersten Arbeitstag im Januar buchen, Strandkorb, Tisch im Restaurant, Tennisplatz im Klub. Und bekommt, wenn er für zu leicht befunden wird, ein „Tut uns leid, wir sind ausreserviert“. Für alle anderen gilt: 18 Uhr, vielleicht. Nur wer in ist und drin, kriegt den 20-Uhr-Slot.

Sylt lässt es locker angehen, meistens. Das Epizentrum: Ein heimelig-adrettes Seehäuschen neben dem nächsten duckt sich unter den Wind, Feldsteinmauern, Heckenrosen, dazwischen Maserati-Paraden und Luxuslabels wie Bottega Veneta und Gucci, die Läden werden nach der Saison wieder verrammelt – das ist Kampen. Eine Mischung aus Schlumpfhausen unter Reet und „Truman Show“. Mondän: ja. Dorf: sicher. Man schätzt die Ruhe, das Unter-sich-Sein, „Quiet Quality“ sagen sie hier dazu. Einsamste Strände liegen fünf Radminuten entfernt.

Die von Arnims etwa sind seit Jahrzehnten Fans dieser Pfade abseits des Trubels. Für die Familie ist die Insel geliebtes Refugium; in der Familiengeschichte spielt Sylt eine wichtige Rolle: Iris von Arnim, die „Cashmere-Queen“, verkaufte hier in den 70ern ihre ersten Pullis.

Ohnehin ist das Society-Getue von einst längst verpönt. Wer heute auf sich hält, trifft sich eher informell. Kaum eingetroffen, sprudeln die SMS und Whatsapps herein. Manche machen den Erfolg eines Urlaubs an der Zahl der Einladungen fest. „Zumindest all jene, die nicht oft eingeladen werden“, sagt Jens Spudy, der die „Sansibar“ mit Streichholzbriefchen ausstattet. Vorn sein Firmenlogo, auf der Rückseite glänzen Udo-Lindenberg-Likörelle.

Spudy, Berater für Unternehmerclans am ganz oberen Ende der Einkommensskala, kaufte sich 2006 ein Haus in Munkmarsch, Wasserlage. Jedes Jahr im September lädt er zusammen mit FDP-Chef Christian Lindner in die „Sansibar“ ein, den liberalen Gedanken stärken. Maximal 30 Gäste, handverlesen. Diesmal sind Benedict Rodenstock und der Europa-Chef von Hermes, Donald Pilz, dabei.

Lieber kleiner Kreis als große Sause, das ist das neue Inselmotto. Die exzessive Feierei von Uwe Schröder (Tom Tailor) und Wolf-Peter Schneider (Immobilien) im „Pony“ – Geschichte. Wenn Get-together, dann gediegen. Etwa beim Sylter Sommerkonzert in Keitum, Bühne junger Künstler und gesellschaftlicher Beletage. Die Hamburger Grande Dame Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben, rief es einst ins Leben, der Sommer auf Sylt wurde ihr arg kulturlos. Heute wird eifrigst gespendet, um einen der 400 Plätze zu ergattern, das Event ist ein Dankeschön an „äußerst großzügige Wohltäter“. Tout Hamburg schön unter sich, geduldet werden sonst nur Wolfgang Schäuble und Kurt Biedenkopf. Nach dem Konzert spendiert Graf Schönborn Wein vom eigenen Gut.

Klar, es gibt auch noch das Krebsessen von Ex-Werber Manfred Baumann, das mit dem paradoxen Effekt aufwarten kann, Eingeladene stöhnen zu lassen („Müssen wir da schon wieder hin?“) und Nichteingeladene auch (weil sie nicht gefragt wurden). Es gibt die Neujahrsparty in der „Sansibar“, bei der Gastronom Herbert Seckler ausnahmsweise Musik erlaubt und morgens um zehn alle auf den Tischen tanzen. Die legendärste und nach wie vor wichtigste Party steigt aber bei Clemens Vedder im „Kliffende“, am letzten Juliwochenende. Immer mit Motto (zuletzt „Summer of 69“) sowie mit der als Spitze gegen Baumann und sein klassisches Ambiente formulierten Einladung: „Keine roten Hosen, keine blauen Jacketts, keine Schlipse.“

Im Eilandkosmos fällt Vedder, auf Deutschlands Reichstenliste im vorderen Mittelfeld, die Rolle des Lordsiegelbewahrers zu. Der Mann ist Solist, mit demonstrativem Understatement flitzt er im offenen Fiat 500 über die Insel. „Haus Kliffende“, im Besitz seiner Schweizer Familienstiftung, gilt als Sylts beste Adresse, da sind sich ausnahmsweise mal alle einig. 20 000 Quadratmeter Grund, 1400 Quadratmeter Wohnfläche, deutsche Geschichte in Stein: Thomas Mann, Emil Nolde hinterließen hier ihr Sommerflair, das sich bis heute in der jodhaltigen Luft hält. Ab Mitte der 50er Jahre ging es als Gästehaus an die Deut- scheBank; 1999 kam Anatol, kurze Zeit später Kerstin. Die gewaltigen Stürme rissen Teile der Dünen weg, gerade noch 20 Meter blieben zwischen Kliffende und der Abbruchkante.

Clemens Vedder („Ich habe die Windstärke 14 erfunden“) verdonnerte die Deutsche Bank, den Schaden zu beheben und künftigen zu vermeiden. 160 Meter Goretexmatten wurden verlegt und mit Sand bedeckt, elastisch passen sie sich dem Diktat von Wind und Wasser an, seither wächst die Düne. „Man muss ein Gambler sein, um die Flutbedrohung auszuhalten“, sagt ein Einheimischer. Die Immobilie wechselte um die Jahrtausendwende den Besitzer, zum Schnäppchenpreis von unter 10 Millionen Mark.

Vedder hat ins Herrenhaus geladen, Wirtschafterin Christina serviert Marzipantee in hauchdünnen Bone-China-Tassen, alles nobelsolide, unverkennbares Bauhaus. Geschmacklosigkeit lässt sich dem wendigen Herrn Vedder nicht vorwerfen, der seine Vergangenheit als aggressiver Firmenjäger und Commerzbank-Seeräuber in die Nordsee warf und als Mediator ins harmonische Fach gewechselt ist. „Das pure Glück“, sagt Vedder, „wenn die Wellen kommen, nehmen Sie automatisch die Füße hoch.“ Kapitänsblick aufs offene Meer, Ruder in der Hand. Das Lieblingsgefühl der Mächtigen, an keiner anderen Adresse der Insel ist es so anschaulich.

Gehässigkeit als Inselsport

Nicht alle jedoch können den Ausblick so gelassen genießen. Hinter Glamour und Vornehmheit wird fleißig intrigiert, gestänkert und gepokert. „Das ist hier eine Zusammenrottung von Eitelkeiten und Wichtigtuern“, lästert ein Dealmaker, selbst Doppelhausbesitzer auf der Insel.

Wo sich so viel Aufwärtspersonal versammelt, steht Konflikt in der Luft wie Möwen über der See. Gehässigkeiten verbreiten ist ein Inselsport, Diskretion das erste Opfer. Wie wurde gehämt über Allianz-Chef Oliver Bäte, der ein Haus gleich hinter dem „Pony-Club“ hat – und sich angeblich über den Lärm beklagte. Was Bäte, wie er versichert, nie getan hat; ohnehin sei er nur in der Nebensaison auf der Insel. Und wie wurde getratscht über Rosalie van Breemen: Als die Ex von Alain Delon in die Kampener Nachbarschaft von Michael Otto zog, konnten sich die Lästermäuler kaum beruhigen über die Tatsache, „die Neureiche“ sei eben „keine typische Kampenerin“.

Und doch wurde sie („Zu einer gelungenen Scheidung gehören ein erfolgreicher Rechtsanwalt und ein guter Friseur“), nach der zweiten Scheidung von Alain Afflelou, dem französischen Fielmann, zur Galionsfigur einer ganzen Kaste weiblicher Goldgräberinnen: den Frauen des inneren Zirkels der Oberklasse, die wissen, dass alles ein Verfallsdatum hat, der Wert eines Unternehmens genauso wie die Liebe. Und die sich gern mal neu orientieren. „Letztlich ist das ein kleiner Kreis von gerade mal 120 Leuten, der da im ständigen Partnertausch heiratet“, verrät eine Akteurin. Motto: Die dritte von Rickmers ist jetzt die Soundsovielte von Strüngmann.

Sylt ist eine Stämmegesellschaft: Insulaner gegen Zweitwohnsitzler, Schwaben und Rheinländer gegen Norddeutsche, interne Spieler gegen Externe – und alle in wechselnder Besetzung gegen „die Bonzen“. Die einzelnen Stämme mischen sich kaum, vorbei die Zeiten, als rote Hosen und marineblaues Jackett für ein uniformes Einverständnis sorgten: gelegentliches Zunicken, ansonsten freundliches Ignorieren. Heute wird über die „Nordrheinwandalen“ gelästert, auf die Berliner herabgeschaut, die spärlichen Bayern (Karl-Heinz Rummenigge zog vor 15 Jahren nach Kampen und hängt regelmäßig an „Buhne 16“ im Strandkorb ab) werden gerade so als exotische Farbtupfer toleriert. Es kann sehr kalt sein hier, auch im Hochsommer.

Unter allem liegt der Grundkonflikt: Der Marke Sylt droht der eigene Erfolg zu Kopf zu steigen – und darüber hinaus. In manchen Tennisklubs klebt der berühmte Aufkleber an jedem zweiten Auto; die Immobilienpreise sind auch deshalb so verrückt, weil sich keiner mehr vorstellen kann, dass sie irgendwann mal wieder fallen. Selbst wenn Werber heute an Sylt denken, dann nicht mehr an Champagnerströme und Exzesse im „Kliff“, sondern an die begehrte „Brand“. Edelfischverkäufer Gosch versorgt mit dem Inselnamen im Logo inzwischen die ganze Republik. Die Insel als Folie, für Sehnsucht und Geschäft.

Ein prächtiges Umfeld, das Corporate Germany zu gern fürs eigene Image-Upgrade nutzt. Boss und Mercedes luden jüngst mit Weltmeersuperstar Alex Thomson zum Segeln; die feine Privatbank Berenberg sponsert jährlich das Poloturnier als große PR-Show für ihre nationale Klientel. Die Premiumautobauer sind mit ihren Sportgroßvehikeln ganzjährig auf Vollgas gestellt. Audi, BMW, Mercedes, Porsche, Maybach, Maserati, alle haben namhafte Partner vor Ort oder verleihen ihre Limousinen auf der Kampener Whisky-meile für Probefahrten.

Ungekrönter König in dieser Disziplin bleibt Herbert Seckler, Gasfußgastronom, Marketingtausendsassa und Inselimpresario. Obwohl bis zur Decke vollgestopft mit Logos (ein Stammgast: „Ich warte darauf, dass die gekreuzten Säbel auf dem Klopapier auftauchen“) und massenhaft frequentiert von Herrschaften, die im VW Tiguan oder Schlimmerem anreisen, wird seine „Sansibar“ nach wie vor und einhellig für das Essen und besten Service gelobt. Ostentativ steht Currywurst als Ausweis für Volksnähe auf der Karte, friedlich sitzt Milliardär neben Jack-Wolfskin-Rentner. Es ist Platz für alle, und man kommt ja auch leicht hin. Die Air-Berlin-Flüge nach Sylt soll es nur geben, weil Joachim Hunold, Ex-Airline-Chef, Seckler-Freund und eine Art Inselpate, sein Haus in Archsum hat. Wie viele Deals im Chambre separée gleich neben dem Weinkeller ausbaldowert wurden, lässt sich nicht mehr zählen. Unter den zählbarsten ist Rantum Capital; 2013 bei erlesenen Flaschen ersonnen, finanziert der Investitionsfonds Mittelständisches, geleitet vom ehemaligen Morgan-Stanley-Deutschland-Chef Dirk Notheis und prominent begleitet unter anderen von Hunold, ProSieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling und Ex-Voith- und BDI-Boss Michael Rogowski. Im Sommer 2015 startete der erste Fonds mit zunächst 100 Millionen Euro Volumen.

Verjüngung für Schlumpfhausen

Seckler bedient Masse und Elite gleichermaßen – ohne sich selbst dabei zu vergessen, dank omnipräsenter Sponsoren: Der Shuttle-Service vom Parkplatz sowie sämtliche anderen automobilen Aktivitäten sind an Mercedes vergeben, auf dem Spiel- platz fahren Bobby Cars mit Stern, Veltins grüßt am Parkplatz, Optiker Bode durfte die Strandkörbe mit seinem Logo schmücken.

So wird, was authentisch sein soll, durchkommerzialisiert; das Verrückte, für das die Insel einmal stand, droht verloren zu gehen. Immer weniger Insulaner können sich Sylt noch leisten, viele pendeln vom Festland rüber. Die Geburtenstation geschlossen, der Feuerwehr gehen die Mitglieder aus, in der Nebensaison haftet Sylt etwas Gespenstisches an. Aktuell werden noch rund 15 000 Einwohner gezählt. Zum Vergleich: Allein Seckler schleust täglich 3000 Menschen durch seine Sansibar.

Um Sylt vor dem Aussterben zu bewahren, gehen die Behörden nun gegen die leblosen „Rollladensiedlungen“ vor: In Neubauten muss künftig ein Teil für Dauerwohnungen genutzt werden. Auch der Generationswechsel wird vorangetrieben. Zwar ordern die Söhne und Töchter Hamburger Steuerberater, Stuttgarter Mittelständler oder Düsseldorfer Boutiquenbesitzer den Champagner im „Roten Kliff“ so selbstverständlich wie einst ihre Väter – die oft genug neben ihnen am Tresen stehen. Und Pfingsten steigt auf der Whiskymeile eine Party, die in Lautstärke, Altersschnitt und Musikgeschmack dem amerikanischen „Spring Break“ in fast nichts nachsteht. Vor drei Jahren musste die „Sturmhaube“ wegen Überfüllung geräumt werden, wie man in Kampen heute noch mit wohligem Schauder erzählt.

Nur: „Das reicht nicht. Wenn zwei Tage Regen gemeldet sind, hauen die jungen Leute wieder ab“, sagt Hinrich Wittern. Es gibt halt wärmere Inseln und mehr Flugzeuge, die uns hinbringen, als zu Zeiten von Gunter Sachs.

Die Gemeinde Kampen (Claim: „Das Dorf mit Weltstadtniveau“) hat Wittern deshalb mit einem Verjüngungs- und Modernisierungsplan beauftragt. In Gestalt der Pop-up- Bar „Kampen Bay“ soll der Werber und Sommergastronom das verwöhnte Jungvolk anlocken. Mit Möbeln im Treibholzstyle, einem Schiffsrumpf in der Mitte, Cocktails, Frozen Yogurts, Detoxsäften und DJs, die zum „Après Strand“ aus Los Angeles oder Mallorca eingeflogen werden.

Es ist ein Experiment, doch mit der Jugend ist es bisweilen ein Kreuz. Sogar mit jenem Teil, der bereits ein beachtliches Vermögen sein Eigen nennt. „Die Old Economy findet oft schlecht einen Draht zu den Gründern in Flipflops und Hoodies“, sagt Wanja Oberhof, Gründer von Newscase und pro Jahr ein halbes Dutzend Mal auf der Insel. Selbst die Samwer-Brüder, die öfter in Kampen gesichtet werden, müssen den Rothosen manchmal erklären, womit sie ihr Geld verdienen.

Fabian Heilemann kam schon als Student mit dem Zug aus Hamburg und reist seither regelmäßig zum Surfen, Party machen und Netzwerken an. „Man ist schließlich nicht zur Erholung hier“, sagt der Gründer (Daily Deal) augenzwinkernd. Sein Bruder Ferry ist im Founders Kite Club aktiv, der außer in Tarifa, Kapstadt und Tel Aviv auch auf Sylt Wettbewerbe austrägt.

Die Wagniskapitalgeber von Rheingau Founders, Christoph Gerlinger von der German Startups Group, Ex-Kreditech-CEO Sebastian Diemer oder Movinga-Geschäftsführer Finn Hänsel weilen ebenfalls gern auf der Insel. Trivago-Gründer Peter Vinnemeier hat ein Haus in Keitum, Payback-Erfinder Alexander Rittweger hat in Kampen gekauft. Doch viele Gründer finden sich unter den Grundbesitzern nicht. Ibiza ist wärmer, Saint-Tropez hat mehr Glitter, von Berlin aus ist die Ostsee näher. Und für viele ist Sylt zu teuer, selbst nach einem guten Exit.

Für eine Insel, die frischere Protagonisten gut gebrauchen könnte, ist das ungünstig. In den Hamptons, mit denen man sich gern vergleicht, mischt sich altes und neues Geld viel zwangloser. Der Sandkasten der New Yorker ist nahezu das ganze Jahr über belebt. Auf Sylt hingegen muss erst mal alles die nordfriesische Skepsis passieren. „Alles Schlechte kommt vom Festland“, pflegen sie hier zu sagen und meinen es nicht als Scherz.

Und trotzdem sind es ausgerechnet die Zugewanderten, die reüssieren. So wie Mr „Sansibar“ Seckler oder Christina Hässler. 2007 kam sie aus dem Schwäbischen nach Kampen, managte mit Lebensgefährte Florian Hühne erst das Sylt-Heiligtum „Sturmhaube“, ab 2013 dann das „Gogärtchen“ im Strönwai. Mehr als 30 Jahre hatte dem der legendäre Rolf Seiche (inzwischen wohnhaft in Niebüll) seinen Stempel aufge- drückt. Nach der Trennung von Hühne führt sie jetzt das Zepter im „Landhaus Severin’s“ am Morsumer Kliff.

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