Jäger des Zufalls

> Klaus Werle

manager magazin - Sonderheft Nr. 15 vom 11.10.2005

Christian Kaisan hat erreicht, wovon tausende träumen – als „Kesselgucker” gewann er Millionen beim Roulette. Sein Credo: Gewinnen hat wenig mit Glück zu tun. Aber viel mit harter Arbeit.

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Ein sanftes Zischen – mit gekonntem Schwung zieht der Croupier die bunten Jetons über den grünen Filz und stapelt sie vor sich zu ordentlichen Türmchen. Die Bank hat gewonnen. Aber der Herr mit den gegelten rauen Haaren nippt nur kurz am doppelten Espresso, bevor er wieder setzt, wieder 500 Euro, wieder auf die 19. Der Croupier schießt die Kugel ab, sie schnurrt entlang der Kesselbande, knackt und klackert wie ein fernes, kleines Sommergewitter und landet auf der 21. Der Croupier zückt den Jetonrechen, der Gegelte bestellt einen weiteren Espresso und neue Spielchips.

Der Mann, der binnen 20 Minuten gut 5000 Euro verloren hat, ist einer jener „Zocker, Spieler, Dilettanten”, über die Christian Kaisan (61) nur die Nase rümpft: Setzt zu schnell, kann nicht rechtzeitig aufhören. Denn eines muss der Roulettespieler Kaisan gleich klarstellen: „Ich bin kein Spieler. Spieler haben sich nicht unter Kontrolle.” Kaisan spielt nicht Roulette. Er arbeitet.

Christian Kaisan ist Profi, er lebt vom Roulette. Rund vier Millionen Euro, sagt er, habe er in den vergangenen 20 Jahren gewonnen. Er konnte sich davon ein schmuckes Einfamilienhaus bei Hamburg kaufen, eine Platinuhr, einen Zwölf-Zylinder-BMW, einen Ferrari, einen Lamborghini und ein Wasserschloss. Die Restaurierung hat ihn fast drei Millionen Mark gekostet. Manchmal gewann Kaisan 10 000 pro Abend, wochenlang, steuerfrei.

Er kennt alle deutschen Kasinos, hat in Australien, Malaysia, Argentinien, Südafrika gespielt. Und in Vegas natürlich. Kaisan liebt Las Vegas.

Seit zwei Jahren rasiert er sich eine Glatze, die schwarze Metallbrille sitzt auf einer Adlernase. Der begeisterte Radler, braun gebrannt und durchtrainiert, trägt schwarze Jeans und ein schwarzes Polo-Shirt mit dem „Bellagio”-Schriftzug, sein Lieblingskasino in Vegas. Spieler wie er, so genannte High-Roller, die oft 1000 Dollar pro Spiel setzen, werden drüben hofiert wie Fürsten: Zubringerdienste mit dem Rolls-Royce, VIP-Status, Champagner in der Edelsuite. „Die Wasserspiele dort sind fantastisch”, sagt er in breitem Sächsisch, die grau-grünen Augen strahlen.

In Deutschland ist die Lage etwas komplizierter. Kaisan sitzt in der Sky-Bar des Rostocker Fünf-Sterne-Hotels „Neptun” an der Ostsee und rührt braunen Kandis in seinen friesischen Tee. Von hier oben kann er die Spielbank sehen. Rein darf er nicht. Spielverbot.

In 60 der 76 deutschen Kasinos ist „der Sachse”, wie er in der Szene genannt wird, offiziell gesperrt. Kaisan habe betrogen, sagen die Spielbanken. Er habe zu viel gewonnen, sagt Kaisan.

Die Croupiers hatten ihn auch hier zunächst noch freundlich begrüßt; sie schätzen seine Trinkgelder. Doch als der Mann hinter dem Tresen Kaisans Personalausweisnummer in den Computer tippt, stutzt er, greift zum Telefon – und eine Minute später taucht der Geschäftsführer auf, murmelt etwas von verbotenen technischen Hilfsmitteln und dass sein Haus auf gar keinen Fall mit Kaisan in Verbindung gebracht werden wolle. Diskretion ist ein hohes Gut in der Spielebranche.

„Alles Quatsch”, sagt der Sachse, „ich glaube nicht an Computer. Ich verlasse mich lieber auf mein Auge.” Früher hat er zwar schon mal mit einer „sprechenden Stoppuhr” gearbeitet, um die Drehgeschwindigkeit des Kessels zu messen: Mit dem großen Zeh betätigte er den Stoppschalter; ein Kleinrechner meldete ihm die Zeit über einen Knopf im Ohr. Heute reichen ihm „zwei Drittel Können, ein Drittel Gefühl”.

Tatsächlich wirkt die Methode des 61-Jährigen etwas antiquiert in einer Zeit, in der Trickser versuchen, mit Hochleistungsrechnern, Laser- oder Funkgeräten die Gesetze der Statistik zu überlisten. Erst kürzlich hat ein Zockertrio im Kasino des Londoner „Ritz”-Hotels mit einem Laserscanner im Handy die Drehung des Kreisels berechnet und 1,3 Millionen Pfund kassiert.

Kaisan hingegen spielt im Grunde immer noch so wie Anfang der 80er Jahre, als er, der ehemalige DDR-Bürger, seine Roulettekarriere in der Spielbank Hittfeld begann, einem kleinen Ort südlich von Hamburg. Der aus der Nähe von Leipzig stammende Kaisan hatte einen Stasi-Offizier mit 50 000 Ost-Mark bestochen und durfte legal ausreisen.

Zuvor hatte er versucht, Kontakte zu seinem Vater zu knüpfen, einem französischen Offizier. Die Staatssicherheit nahm ihn daraufhin ins Visier. „Davon abgesehen, war mir die DDR auch zu eng, zu piefig. Im Westen gab’s ja ganz andere Möglichkeiten.” Der Hilfsarbeiter mit Abitur wollte ran ans große Geld.

Welches Potenzial in Kugel, Kessel und Karten steckte, hatte Kaisan bereits mit Ende 20 entdeckt – mit offizieller Erlaubnis der Deutschen Demokratischen Republik, deren „neues sozialistisches Strafrecht” von 1968 Glücksspiel nicht mehr als „Gefährdung des Sozialismus” einstufte. Prompt entwickelte sich in den Wohnzimmern der Plattenbauten ein regelrechtes Privatzocker-Biotop. „Das is’ es”, sagte sich Kaisan und erfand ein Würfelspiel, das er „Grüne Wiese” nannte. „Ich machte die Bank und gewann fast immer.” Kurz darauf knackte er die Bank eines privaten Roulettebetreibers, bekam den defekten Kessel als Gewinn, justierte ihn neu und „verdiente unanständig viel Geld”.

Ein Bier kostete im sozialistischen Deutschland damals 40 Pfennig; Kaisan hatte zwischenzeitlich fast 150 000 Ost-Mark angehäuft – 20 Facharbeiter-Jahresgehälter. Er kaufte sich zwei Renault Dacias und einen Sportflitzer mit Flügeltüren, verbrachte seinen Urlaub in Bulgarien – und ärgerte sich trotzdem: „Obwohl ich mehr Geld hatte als die Westdeutschen, war das Gras vor meinem Hotel vertrocknet, vor den West-Hotels war es immer grün. Da wusste ich: Ich will raus aus der DDR.”

Mit 15 000 West-Mark, eins zu vier getauscht, kommt der Sachse im Mai 1981 in Hamburg an. Kaisan schlägt sich als Kellner auf der Reeperbahn durch und streift nach Feierabend durch die Kasinos. Er setzt keinen Pfennig, beobachtet nur stundenlang die Kessel und Kugeln, notiert endlose Zahlenkolonnen. Dreieinhalb Jahre geht das so. Der Mann mit dem sächsischen Akzent, Block und Bleistift, immer im gleichen Anzug, wird belächelt: Junge, das haben schon ganz andere versucht. Vergiss es.

Denn „der Zufall erzeugt keine Regelmäßigkeit”, wie es Thomas Bronder von der „Arbeitsgruppe Spielgeräte” der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) ausdrückt. Selbst das Gesetz der großen Zahlen, von Laien oft als mathematische Fairnessgarantie verehrt, sagt keineswegs, dass nach 50-mal Rot endlich einmal Schwarz fallen muss. „Die Roulettekugel hat kein Gedächtnis”, sagt der promovierte Physiker Bronder, „bei jedem neuen Wurf ist jede Zahl wieder gleich wahrscheinlich.”

Kaisan lässt sich von der Naturwissenschaft wenig beeindrucken. Er wird in Hittfeld zum „Kesselgucker”: Diese Zahlenartisten, weltweit etwa 40 Spieler, messen die Geschwindigkeit, mit der sich der 50 Kilogramm schwere Roulettekessel dreht, und versuchen abzuschätzen, wohin die gegenlaufende Kugel fällt. „Wie zwei Züge, die aufeinander zurasen und sich irgendwann treffen”, sagt Reinhold Schmitt, Chef des Internet-Branchendienstes ISA-Kasinos.

Nur: In jeder Zehntelsekunde springt die Kugel knapp zwei Felder auf dem Zahlenkranz weiter. Vom Losrollen bis zum Satz „Rien ne va plus” bleiben Kaisan keine zehn Sekunden zum Rechnen und Setzen. Wenn die Kugel zu schnell läuft oder der Croupier den Kessel nicht gleichmäßig anstößt, muss auch der Sachse passen. „Aufhören, wenn’s nicht läuft” ist sein oberstes Prinzip.

„Trotzdem war ich überzeugt, dass man Roulette berechnen kann”, sagt er. Der Perfektionist denkt nicht in Kategorien wie Glück oder Pech, sondern in Wahrscheinlichkeiten. Die gefallenen Zahlen notiert Kaisan nach seinem eigenen Schema: „Irgendwann zeichnet sich an einer Stelle eine Häufung ab, eine Art Berg.” Dort setzt er dann, meistens „Plein, vier vier”, also eine Zahl und ihre vier Nachbarn jeweils rechts und links. „Am besten funktioniert es, wenn der Kessel einen leichten Fehler hat, eine Neigung, eine Unebenheit im Lack.”

Mitte der 80er Jahre entdeckt „der Sachse” in Hittfeld bei Hamburg seinen Traum: „Ein American Roulette, große Fächer, eine schwere Kugel, die nicht hoppelte, sondern aufschlug wie ein Stein.” Der Sachse setzt, und wie: 3600 Mark pro „Schuss”, das Maximum. Alle zwei Minuten. Möglicher Gewinn: 14 000 Mark. Kaisan spielt bis zu 14 Stunden täglich, 300 Tage im Jahr. Gewinnt 70 000 Mark in 6 Wochen, in Bremen 100 000 in 14 Tagen.

Er spendiert sehr hohe Trinkgelder, und manchmal verschweigen die Croupiers ihren Geschäftsführern seine wahren Gewinne. Oder, wie manche argwöhnen, sie lassen ihm mehr Zeit zum Setzen als üblich. „Es war eine wilde Zeit”, sagt Kaisan. Er spielte damals stereo: nachmittags Hittfeld, abends im 20 Kilometer entfernten Hamburg. „Werk I und Werk II” nennt er das, weil Spielen für ihn Arbeit ist, kein Vergnügen.

Als er 1987 mit Jeans und Bomberjacke in einem Autohaus auftaucht, will der Händler 30 Prozent Anzahlung. Kaisan zahlt gleich die ganzen 112 000 Mark für seinen ersten 750er-Zwölfzylinder-BMW – in bar.

1988 kauft er für knapp 300 000 Mark ein Haus in Hittfeld, direkt an der Quelle. 1989 macht er seine erste Million „Spargeld” voll.

Die nächsten Jahre laufen für Kaisan wie geschmiert; auf dem Höhepunkt, 1991, stehen ihm drei Millionen Mark zur Verfügung. Er kauft „zur Sicherheit” einen Goldbarren, zwölfeinhalb Kilo schwer, und pachtet ein Wasserschloss in Sachsen-Anhalt, das er acht Jahre später kauft.

1991 wird Kaisan aber auch übermütig, testet die sprechende Stoppuhr: Kasino Austria sperrt ihn, warnt andere Spielbanken – europaweit. Weil technische Hilfsmittel erst zwei Jahre später offiziell verboten werden, zieht Kaisan vor Gericht. Jahre später bekommt er Recht – aber es sind magere Jahre, in denen der Sachse nach Australien, USA und Südamerika ausweichen muss. Sein Schloss verschlingt Unsummen, und das Geschäft wird immer schwieriger. „Die Kessel sind schneller geworden”, klagt Kaisan. Viele Häuser drehen leichte Teflonkugeln, die „zu schnell, zu unberechenbar beim Aufprall sind”.

Moderne Kasinos justieren ihre Roulettekessel obendrein per Computer; jeder Wurf wird erfasst, Abweichungenwerden sofort berichtigt. „Da hat man als Kesselgucker keine Chance mehr”, sagt PTB-Mann Bronder, „es ist unmöglich, den Zielbereich der Kugel mit bloßem Auge vorherzusehen”. Kaisan kennt Ex-Kesselgucker, die heute von Sozialhilfe leben; er selbst gewann in den letzten fünf Jahren nur noch 500 000 Euro.

Bei knapp 60 Millionen Euro, die etwa die Spielbank Hamburg im Jahr einnimmt, fürchten die Kasinos bei einem Besuch Kaisans weniger den finanziellen Verlust. Es ist schlimmer: Der Sachse kratzt am zentralen Glücksspielprinzip: dass jeder Spieler die gleiche Chance hat im Angesicht des Zufalls.

In einer Branche, in der die guten Zeiten vorbei sind, wird diese Geschäftsgrundlage eisern verteidigt. „Seit etwa fünf Jahren stagnieren die Einspielergebnisse der deutschen Spielbanken bei rund einer Milliarde Euro”, sagt Otto Wulferding, Geschäftsführer der Spielbank Hamburg. Das Publikum ist zu alt und zu knauserig. Roulette und Black Jack verlieren an Reiz, 70 Prozent ihrer Umsätze machen die Glücksanstalten heute mit Automaten. Dazu kommt Wettbewerb aus dem Internet: Millionen spielen täglich zu Hause Roulette oder Poker auf Seiten, deren Server in Antigua oder Gibraltar stehen. Allein beim virtuellen Poker werden täglich 180 Millionen Dollar verzockt (siehe Kasten Seite 114 und Interview links).

Christian Kaisan nutzt das Internet vor allem, um in diversen Spieleforen gegen vermeintlich sichere Roulettesysteme zu Felde zu ziehen. Selbst der sächsische Rechenkünstler maßt sich nicht an, dem Zufall beliebige Schnippchen schlagen zu können. „Die durchschnittliche Gewinnerwartung beim Roulette liegt bei minus 2,7 Prozent”, sagt Spielexperte Reinhold Schmitt. Es gehe nur darum, sagt Kaisan, „diesen kleinen Kasinovorteil langfristig in einen Playervorteil zu verwandeln”.

Mit Betonung auf langfristig: In Österreich hat Kaisan schon mal 100 000 Mark in 20 Minuten verloren – „zu viel Champagner”, sagt der Disziplinfetischist. Auch er erlebte „Nullnummern”, wo er nächtelang spielte und nichts gewann. Theoretisch muss er mit seinem System 9 von 35 Spielen gewinnen, um auf plus/minus null zu kommen. Ein mühsames Geschäft: Alles addiert, schätzt Kaisan, hat er gerade mal eine Rendite von 2 bis 3 Prozent auf seine Gesamteinsätze erzielt.

Nachdem er das Schloss mit anderthalb Millionen Mark Verlust wieder verkauft hat, lebt Kaisan jetzt in Leipzig in einer 90-Quadratmeter-Wohnung, kauft sich ab und zu einen neuen Zwölfzylinder-BMW – und geht drei- bis viermal im Jahr „auf Tournee”, wie er das nennt, meist in den USA. Eine knappe Million Euro, sagt er, habe er noch auf der hohen Kante, dazu noch ein Haus, da kann er’s etwas ruhiger angehen lassen. „Aber spielen muss ich, wegen der Altersversorgung”, meint Kaisan. Neulich hat sich der Berufszocker ausrechnen lassen, was ihm der Staat an Rente zahlen würde: „Von 330 Euro im Monat kann ich nicht leben.”