Der Fahnder

> Klaus Werle

Berliner Zeitung, 22. Juni 2002

Daniel Stadler arbeitet für das Neuköllner Sozialamt. Er besucht Menschen, die um Hilfe bitten – und entscheidet, ob sie die Hilfe wirklich brauchen.

BERLIN, im Juni. Früher hätte er sich über einen wie Herrn Rüther aufgeregt. Über die renovierte Altbauwohnung mit Balkon und Parkett, die geschnitzten Verzierungen im Türrahmen, die HiFi-Anlage, den modernen PC. Und über den Fernseher, der in der Wohnzimmerecke läuft. Denn Herr Rüther, Mitte Vierzig, Sozialhilfempfänger, hat gerade erst einen neuen Fernseher beantragt. Wie gesagt: Früher hätte ihn das geärgert. Heute hört sich Daniel Stadler Herrn Rüthers Ausrede an – „Den hat mir ein Freund geliehen“ -, malt auf seinem Formular hinter dem Punkt „TV?“ ein Kreuzchen in das „Ja“-Kästchen. Herr Rüther wird keinen neuen Fernseher bekommen.

„Fast alle, die sich selbst ein Gerät kaufen, sagen, irgendein Freund hätte es ihnen geliehen“, sagt Stadler und sieht auf seiner Liste nach, wer sein nächster „Kunde“ sein wird, wie er sich ausdrückt. Stadler drückt die Klingel, kräftig und dreimal hintereinander. Von dem Haus in der Mahlower Straße blättert die braune Farbe ab, an den meisten Briefkästen fehlen die Namensschilder. Auch das von Herrn Marohn. Auch er hat beim Sozialamt Neukölln einen Fernseher beantragt, wie Herr Rüther. „Die Wohnung hier sieht garantiert anders aus als die eben“, sagt Stadler. Etwas brummelt aus der Gegensprechanlage, Stadler ruft: „Rathaus Neukölln“, der Öffner summt. Sein Dienstausweis berechtigt Daniel Stadler zu „Prüfungen und Ermittlungen im Auftrag des Amtes für Soziales und Gesundheit“. Er braucht ihn nie. „Rathaus Neukölln“ ist das Zauberwort, das ihm die Türen öffnet, hinter denen das Elend lebt. Oder hinter denen das Elend nur vorgetäuscht wird.

Um das herauszufinden, haben die Berliner Bezirke Menschen wie Stadler angestellt. Sein Job ist die „Bedarfsprüfung beim Antragsteller“, wie es in der Beamtensprache heißt. Stadler soll durch unangemeldeten Hausbesuch herausfinden, ob ein Sozialhilfeempfänger, der eine „einmalige Beihilfe“ für Möbel, Renovierungsarbeiten oder Fernseher beantragt, überhaupt ein Anrecht darauf hat. Früher genehmigten die Sachbearbeiter im Sozialamt solche Dinge nach Aktenlage. Jetzt gibt es Sozialdetektive. Ein Wort, das Daniel Stadler überhaupt nicht gerne hört. Lieber ist ihm die Bezeichnung „Prüfdienst“, oder sogar „Oberstadtsekretär“, wie die offizielle Bezeichnung lautet. „Ich bin da, um dem Bürger zu helfen“, sagt Stadler.

Von 300 000 Einwohnern in Neukölln beziehen 37 000 Menschen Sozialhilfe. Jeden Tag gibt der Bezirk dafür fast eine halbe Million Euro aus, 175 Millionen im Jahr. „Man muss bei den Betrügern Geld sparen, um es denen zu geben, die es wirklich brauchen“, sagt Stadler. Zum Beispiel Herrn Marohn. Die Jeans, die er schnell über die Schlafanzughose gezogen hat, ist verbeult und mindestens zwei Nummern zu groß. Leere und halbvolle Flaschen „Berliner Pilsener“ stehen auf dem Boden und den Fensterbänken, dazwischen „Kleiner Feigling“ und eckige Kornfläschchen. Es gibt keine Möbel außer einem Tisch, einem Bett, dessen Holz irgendwann einmal hell gewesen sein muss und einem Fernseher, der auf einem umgedrehten Umzugskarton steht. „Da ist doch ein Fernseher“, sagt Stadler, „oder gehört der nicht Ihnen?“ „Der Fernseher gehört mir“, sagt Herr Marohn. Seine Stimme ist leise und stockend, er schaut auf den staubbedeckten Fußboden. „Das Bild ist ganz verschwommen“, sagt Herr Marohn und macht den Fernseher an. Kleine Streifen sind zu sehen. „Sie müssen ein paar Minuten warten, dann wird es ganz schlimm.“ Aber Stadler hat schon sein Kreuzchen gemacht. „Viele Möbel haben Sie ja nicht gerade“, sagt er laut. Herr Marohn hat nicht zugehört, er nickt und dreht an den Knöpfen. Die Streifen bleiben klein. „Keine Frage, ein armes Schwein“, sagt Stadler draußen auf der Straße, „zwischen dem und Herrn Rüther liegen Welten.“ In seinen Bericht schreibt er später: „Altes Gerät vorhanden, Programm kann (mit kleinen Streifen) empfangen werden. Lebensdauer des Gerätes eingeschränkt.“ In der Spalte „Allgemeines“ ergänzt Stadler: „Sehr unzureichende Gesamtausstattung.“ Dickes Ausrufezeichen, doppelt unterstrichen.

Die „Allgemeines“-Spalte ist für Stadler der einzige Platz für Mitteilungen, die über das Abarbeiten des Prüfantrags hinausgehen: Wie sieht es in der Wohnung aus? Arbeitet jemand schwarz und hat gar kein Anrecht mehr auf Sozialhilfe? Ist medizinische Betreuung nötig? „Früher haben wir ausführliche Berichte geschrieben. Das war den Sachbearbeitern zu viel zu lesen. Jetzt gibt es nur noch die Abfragebögen.“ Seit mehr als fünf Jahren arbeitet Stadler im Prüfdienst Neukölln, vorher war er bei der Bauaufsicht und hat eine Freizeitstätte geleitet. Eine spezielle Ausbildung hat er nicht. Psychologie und Menschenkenntnis seien wichtig, sagt Stadler. „Der Job ist nichts für den klassischen Beamtentyp.“

Wer Stadler sieht, groß, kräftige Arme, Goldkette, die halslangen schwarzen Haare nach hinten gegelt, hätte sich das schon denken können – trotz seiner inzwischen fünfundzwanzig Jahre Berufsjahre im Dienst der Stadt. Drei von vier Anträgen auf „einmalige Beihilfe“, die in Neukölln gestellt werden, sind unbegründet, sagt Stadler. Einmal hatte ein Kunde ein neues Sofa beantragt, weil im alten ein Riss war. Stadler deutete auf den Riss und sagte: „Der ist doch ganz klein. Den können Sie nähen.” Da packte der Mann den Stoff und riss ihn der Länge nach auf. „Jetzt nicht mehr”, entgegnete er. „Wenn an einem Hemd der Knopf fehlt, nähen ihn die meisten wieder an. Manche beantragen eben gleich ein neues Hemd“, sagt Stadler.

Das sind die einen. Die anderen vergessen, ein Hemd zu beantragen, obwohl sie schon lange frieren. Zum Beispiel Manuela Böhme, Karl-Marx-Straße, Hinterhof, Souterrain. Sie hat einen Wohnzimmerschrank beantragt. In ihrer Wohnung ist es dunkel, weil es keine Deckenlampen gibt. Auch keine Stühle. Keine Regale.Wenn Manuela Böhme von ihrem Bett spricht, meint sie eine Matratze, die in der Ecke liegt. Aber Frau Böhme will unbedingt einen Wohnzimmerschrank. „Warum haben Sie kein Bett beantragt?“, fragt Stadler. „Ich wollte nicht zu viel aufschreiben“, sagt Frau Böhme und lacht verlegen. Ihre Zähne sind eine Reihe kurzer, gelber Stummel. „Ich hab’ neue Zähne beim Sozialamt beantragt. Im November.“ Es klingt wie ein Vorwurf, und weil Herr Stadler für Frau Böhme in diesem Moment das Sozialamt ist, schaut sie ihn voller Erwartung an. Stadler schaut die Maggi- Flasche an, die auf dem Tisch steht, neben zwei verfaulten Mandarinen und einem Handy. Aber eigentlich muss er gar nicht lange überlegen. „Frau Böhme, Sie lesen sicher Zeitung? Dann wissen Sie ja, was in Deutschland los ist. Finanziell vor allem. Auch die Sozialämter müssen sparen.“ Frau Böhme sagt nichts mehr. Daniel Stadler ist ein Mensch, der gerne knapp antwortet und schnell entscheidet. Auch über den „Fenseh“, den Frau Böhme noch handschriftlich auf das Antragsformular geschrieben hatte. Jetzt steht einer da und flimmert. Natürlich gehört er einem Freund, „der geht jetzt immer hoch zu den Nachbarn gucken“. Stadler lacht und schreibt : „Fernseher vorhanden.“ Dafür hat er gleich die Maße für die Regale und Gardinen genommen, die Frau Böhme beantragt hat. Die seien ihr schon mal sicher, sagt Stadler. Dann ist er auch schon wieder weg.

Vielleicht wird man so, wenn man jeden Tag zehn Hausbesuche erledigen muss, dazu den Papierkram und die Routenplanung für den nächsten Tag. Zwischen vierhundert und fünfhundert Fälle sind jedes Jahr in Neukölln zu prüfen. Bis vor kurzem waren die Neuköllner Prüfer noch zu fünft; jetzt sitzen drei Mitarbeiter auf den fünf Planstellen. Sie schieben eine Bugwelle unerledigter Akten vor sich her. Da hebt es nicht gerade Stadlers Laune, wenn er in der Zeitung liest, was der Neuköllner Sozialstadtrat Michael Büge (CDU) zu seiner Arbeit sagt. Büge ist Stadlers Chef, und als Stadtrat bedauert er, dass er „leider nur fünf Prüfer“ beschäftigen könne. Hätte er mehr Leute, so Büge, „könnte ich Einsparungen in Millionenhöhe erzielen“. „Det is’ doch Kacke“, sagt ein Kollege, „det is’ doch mies. Wir laufen uns die Hacken ab, und der is immer noch nicht zufrieden.“ Büge preist die „beneidenswert hohen Einsparungen“, die im Bezirk Reinickendorf erzielt werden. Dort werden mehr als doppelt so viele Prüfer eingesetzt wie in Neukölln, obwohl Stadler nicht glaubt, „dass die genauso viele Anträge bearbeiten müssen wie wir“.

Beim Kampf gegen den tatsächlichen oder vermeintlichen Sozialmissbrauch geht es vor allem um einen messbaren Wert: die „Minderausgaben“. So heißen die Einsparungen, die der Prüfdienst der Sozialkasse beschert. In einer internen Liste ist aufgeführt, was die Stadt gezahlt hätte, wenn ein Antrag genehmigt worden wäre. 204, 52 Euro für einen Kühlschrank, 15,35 Euro für Deckenweiß (zehn Liter, ausreichend für etwa 60 Quadratmeter). Und für Trauringe 25,56 Euro (pro Ring). Deshalb ist die Höhe der Minderausgaben die Zahl, die Daniel Stadlers Job prägt. Sie sagt ihm, ob er dem Bezirk diesen Monat viel Geld gebracht hat oder wenig.

So gesehen hat Stadler mit Ahmed Funteisi in der Schillerallee heute einen echten Glücksfall auf der Liste. Dass Stadler am Ende des Tages „Minderausgaben“ von mehr als 2 000 Euro in seine Tabelle schreiben kann, verdankt er vor allem ihm. „Hiermit beantrage ich Material zur Renovierung meiner Wohnung“, hatte Funteisi per Hand mitten auf ein weißes Blatt geschrieben und an ein Formular vom Sozialamt geheftet. Jetzt steht Stadler bei ihm in der Wohnung und sagt: „Wenn da ein paar Flecken an der Decke sind, dann reicht das leider nicht.“ Anspruch auf Renovierung hat nur, wer mindestens fünf Jahre in der Wohnung gelebt hat. „Die wenigsten wissen das“, sagt Stadler. Auch Herr Funteisi weiß es nicht, bereitwillig erzählt er vom Einzug Anfang 1999. „2004 können Sie dann ja einen Antrag stellen“, sagt Stadler und macht die Tür hinter sich zu. „Eine komplette Renovierung – das sind Mindereinnahmen von mindestens 500 Euro“, rechnet er. Dazu kommt der Fernseher von Herrn Rüther, wahrscheinlich auch der von Herrn Marohn und Frau Bergers Wohnzimmerschrank.

„Den Wohnzimmerschrank im klassischen Sinn, den gibt’s ja gar nicht mehr“, hat Stadler zu ihr noch gesagt. „Dafür kriegen Sie dann ein Bett. Das ist ja dann irgendwo fair.“