Die Milliarden der Mubaraks

> Tobias Zick

Stern, 26. Mai 2011
Ständig kommen in Ägypten neue Details ans Licht, wie schamlos der gestürzte Diktator das Land ausgeplündert und betrogen hat. Seine Frau soll sich sogar an Spendengeldern für eine Bibliothek bedient haben. Und die Söhne sahnten in der Wirtschaft in großem Stil ab

Es war einer der üblichen Auftritte der Suzanne Mubarak, First Lady Ägyptens, stets auf ihr Image und ihr Renommee bedacht. Eine Mädchenschule in einer Vorstadt Kairos wurde eingeweiht, die erste ihrer Art, komplett gespendet und errichtet von dem Bauunternehmer Mamdouh Hamza. In der Eingangshalle hatte er an jeder der vier Wände ein Porträt einer erfolgreichen Ägypterin aufhängen lassen – „als Vorbilder für die künftigen Schülerinnen“, erzählt er: eine Pilotin, eine Tänzerin, eine Feministin und eine Wissenschaftlerin.

Suzanne Mubarak stolzierte in die Eingangshalle, sah die vier Bilder - und stellte fest, dass keines von ihr darunter war. „Da hat sie geschäumt vor Wut“, erinnert sich Hamza. Und seine Firma war fortan von staatlichen Bauaufträgen ausgeschlossen.

Suzanne Mubarak aber gab weiterhin die Wohltäterin im Kampf gegen Armut und Analphabetismus. Mit ihrem Programm „Lesen für alle“ glänzte sie international – die Universität Stuttgart ernannte sie dafür zu ihrer Ehrenbürgerin. Eine der Laudatorinnen war Liz Mohn, die für die Bertelsmann- Stiftung unter anderem den Aufbau der „Mubarak Public Library“ unterstützt hatte: „Nicht Ruhm, Eitelkeit oder Prestige haben dich geleitet“, pries sie laut Festschrift „Ihre Exzellenz Suzanne Mubarak“, „sondern der Wille und die Verantwortung, für dein Land und dein Volk etwas zu leisten.“ Das war im November 2004, und die Mubaraks galten international noch als Garanten der Stabilität.

Sechseinhalb Jahre später, im Mai 2011, ordnete die ägyptische Justiz an, Suzanne Mubarak in Untersuchungshaft zu nehmen. Weil sie sich in großem Stil an ausländischen Hilfsgeldern bereichert haben soll – auch an den Spenden für ihre Lesekampagne. Unter anderem hatte sie offenbar direkten Zugriff auf ein 147 Millionen Dollar schweres Bankkonto der Bibliothek von Alexandria. Als Suzanne Mubarak vor zwei Wochen von dem Haftbefehl erfuhr, erlitt sie einen Zusammenbruch und verkündete noch im Krankenhaus, sie werde eine Villa sowie zwei Bankkonten mit knapp drei Millionen Euro dem Staat übergeben.

Die Angst vor der Justiz scheint dem entmachteten Präsidenten- Clan in diesen Tagen zuzusetzen. Vor Kurzem sagte Husni Mubarak einer ägyptischen Zeitung, er sei gerade dabei, eine Audiobotschaft ans Volk vorzubereiten. Darin werde er anbieten, sein Vermögen abzutreten - wenn er im Gegenzug begnadigt werde.

Der Militärrat reagierte prompt und stellte eine Mitteilung auf seine Facebook-Seite: keine Amnestie für Mubarak. Die Koalition der revolutionären Jugend legte nach: „Wenn irgendjemand aus der Mubarak- Familie oder deren Entourage vom Prozess befreit wird, stürmen wir sofort wieder mit einer Million Leute den Tahrir-Platz.“ Für Hussam Issa, Juraprofessor und Vorsitzender eines „Komitees zur Wiedererlangung des Volksvermögens im Ausland“, ist Mubaraks Angebot nichts als ein verzweifeltes Ablenkungsmanöver: “Mit solch einem Deal würden wir das Recht verwirken, Mubaraks Milliarden außerhalb Ägyptens einzutreiben - genau darauf zielt er ab. Aber das Volk wird sein Geld wiederbekommen. Das gesamte Geld.“

Seit der Revolution sprudeln in Ägypten Tag für Tag neue Details zutage, die zeigen: Der Mubarak- Clan hat sein Land geplündert, gemolken, verramscht und sich in einem Ausmaß bereichert, das selbst nach gängigen Diktatorenstandards atemberaubend ist. „Das Volk ist schockiert“, sagt Anwar Esmat as-Sadat, Neffe des ermordeten Vorgängers von Mubarak und Gründer einer neuen „Partei für Reform und Entwicklung“: „Dass er ein miserabler Präsident war, wussten alle. Aber dass er auch ein Dieb war, und obendrein in solchen Dimensionen, das macht viele fassungslos.“ Während die Justiz den Mubarak-Clan und die früheren Minister verhören lässt, hat Sadat eine Londoner Anwaltsfirma mit Recherchen in der Schweiz, auf Zypern und in Großbritannien beauftragt; Spezialisten, die auch schon gestohlene Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg ausfindig gemacht haben.

Wie viel Geld haben Husni Mubarak, seine Frau Suzanne und die Söhne Gamal und Ala'a im In- und Ausland tatsächlich auf die Seite geschafft? Anfang Februar 2011 hatte der britische „Guardian“ unter Berufung auf nicht näher benannte Quellen geschrieben: „Das Vermögen der Mubarak-Familie könnte sich auf 70 Milliarden Dollar belaufen.“ In den folgenden Tagen wurde das mutmaßlich gestohlene Volksvermögen zum Thema der Demonstrationen auf dem Tahrir- Platz: „Mubarak - Dieb von 70 Milliarden!“

Seither kursieren die wildesten Schätzungen, zwischen zwei und mehreren Hundert Milliarden Dollar. Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen:_“Mehr als 40 Milliarden Dollar halte ich durchaus für realistisch - allein im Ausland“, sagt Mahmud Abd al-Aziz, früherer Direktor der ägyptischen Nationalbank. In den ersten Jahren nach seinem Amtsantritt 1981 habe Husni Mubarak sich offenbar noch Mühe gegeben, das Land einigermaßen redlich zu führen, doch dann sei die Geldgier seiner Frau und seiner Söhne immer größer geworden.

Abd al-Aziz erzählt, wie er Ende der 80er Jahre neben Suzanne Mubarak im Flugzeug nach London saß. Sie schilderte ihm ihre Muttersorgen: Ihr Sohn Gamal lebe jetzt so weit weg, in England, als Banker - wie könne sie ihn zurück zu sich in die Heimat holen? „Ich habe ihr gesagt: Lassen Sie ihn, wo er ist“, erinnert sich Abd al-Aziz. „Sorgen Sie dafür, dass Business und Macht getrennt bleiben, am besten auch räumlich.“ Damit sei das Gespräch abrupt beendet gewesen.

Gamal Mubarak, von seiner Mutter angeblich schon früh zum Thronfolger auserkoren, lernte als Banker in London sein Handwerk, gründete dort eine Investmentfirma namens Medinvest, kaufte sich ein Haus im teuren Knights bridge. Und baute offenbar über die Jahre mit seinem Bruder Ala'a ein komplexes System auf, das dazu diente, öffentliche Mittel Ägyptens in ausländischen Firmen und Fonds verschwinden zu lassen, unter anderem wohl auf Zypern und den als Steueroase berüchtigten Cayman-Inseln.

Dabei missbrauchten die Mubarak-Söhne ihre Macht immer schamloser: Sie ließen sich von Unternehmen, die in Ägypten Geschäfte machen wollten, saftige „Kommissionen“ zahlen. Ausländische Unternehmer mussten einen Teil ihrer Aktien an ägyptische Investoren abtreten, hinter denen über Umwege die Präsidentensöhne steckten. Zudem mischte sich Gamal in die Regierungspolitik seines Vaters ein und trieb den Verkauf von Land und die Privatisierung von Staatsbetrieben voran - zu regelrechten Spottpreisen. Die Elektrofirma El-Nasr Boilers etwa, ein hochprofitabler Staatskonzern, wurde an eine nordamerikanische Firma verramscht, für den beinahe schon symbolischen Obolus von 55 Millionen ägyptischen Pfund (damals 16,3 Millionen US-Dollar). Allein der Wert des Baulandes, auf dem das Firmengebäude stand, wurde zu der Zeit auf 350 Millionen (104 Millionen Dollar) geschätzt. Obendrein bekam das ausländische Unternehmen im Anschluss Staatsaufträge in dreistelliger Millionen höhe. „Bei jedem Deal dieser Art“, sagt Ahmed an-Naggar, Leiter der Wirtschaftsabteilung im staatlichen Al-Ahram-Zentrum für politische Studien, „kann man davon ausgehen, dass unter dem Tisch reichlich Gelder fließen.“

Vergangene Woche erklärte ein Kairoer Gericht erstmals einen dieser Privatisierungs-Deals für ungültig. Der Verkauf der Kaufhauskette Omar Effendi an einen saudischen Konzern im Jahr 2006 habe „gegen zahlreiche gesetzliche Bestimmungen verstoßen“. Unter anderem bestand der Verdacht, dass Regierungsvertreter Schmiergelder kassiert hatten.

Im Jahr 2005 fädelten Gamal und Ala'a Mubarak zusammen mit dem Geschäftsmann Hussein Salem einen Deal mit Israel und anderen Ländern ein, die von da an ägyptisches Erdgas zu einem Fünftel des handelsüblichen Preises geliefert bekamen – und von jeder Rechnung kassierte Gamal mutmaßlich fünf Prozent. Im Ausland, so Naggar, kaufte er ägyptische Staatsanleihen auf, zu einem Drittel ihres Wertes, und verkaufte sie anschließend der ägyptischen Zentralbank zum vollen Preis.

Der Raubbau an Ägyptens Volksvermögen spielte sich unter den Augen der ausländischen Diplomatie ab. Hussam Issa erzählt, wie ihn in den frühen 90er Jahren der damalige französische Botschafter zur Seite nahm und ihm einschärfte: „Dieses Land wird in naher Zukunft aus kleinen Inseln gewaltigen Reichtums bestehen, umgeben von Ozeanen der Armut. Und die Leute, die dafür verantwortlich zeichnen, werden Kritiker wie Sie nicht lange dulden.“

In der Tat: Während der Amtszeit Mubaraks verschlechterte sich die Lage für die meisten Ägypter. Mehr als 40 Prozent leben heute unter oder nur knapp über der Armutsgrenze. „Korruption gab es auch schon unter dem vorigen Präsidenten Sadat, aber im Vergleich zu Mubarak war er ein Engel“, sagt der Ökonom Ahmed an-Naggar. “Und der Westen hat vieles davon gewusst und unterstützt.“

Weltbank und Internationaler Währungsfonds etwa drangen auf die Privatisierung von Staatsbetrieben und verschlossen offenbar die Augen davor, wer sich dabei bereicherte. Schon in den 80er Jahren interessierte sich die USRegierung auffallend wenig dafür, was Ägypten mit den milliardenschweren Militärhilfen aus dem Westen anstellte: „Wir hatten den wichtigsten Akteur im Nahen Osten auf unsere Seite gezogen“, sagt Robert Springborg, Professor für Nationale Sicherheit an der kalifornischen Naval Postgraduate School, „wir hatten Frieden mit Israel – was waren da schon ein paar Hundert Millionen Dollar?“

Jetzt hat die EU angeordnet, alle Gelder von Mubarak und seinen engen Verbündeten einfrieren zu lassen. Die Schweiz hat Vermögenswerte von 410 Millionen Franken blockieren lassen. Doch ein Teil des Vermögens dürfte sich inzwischen in SaudiArabien befinden. Es gibt Hinweise darauf, dass Husni Mubarak die letzten zwei Wochen vor seinem Rücktritt genutzt haben könnte, um Geldanlagen aus Europa in die Golfstaaten zu schaffen. Noch Ende April wurde der Zoll am Kairoer Flughafen auf eine Reihe verdächtiger Pakete aufmerksam, die alle nach Saudi-Arabien adressiert waren. Die Beamten öffneten sie, zum Vorschein kamen ägyptische Antiquitäten, Schmuck, Uhren. Absender: ein Beauftragter des Mubarak-Vertrauten Hussein Salem.

Die Jagd nach den Milliarden hat gerade erst begonnen, sie wird sich möglicherweise über Jahre hinziehen. Wenn Hussam Issa aus dem Haus geht, spricht ihn jedes Mal die Obstfrau in seiner Straße an: Doktor, was gibt es Neues? Wann kriegen wir unser Geld zurück? „Die Leute hier sind extrem sensibilisiert dafür, welche Rolle der Westen bei Mubaraks Raubzügen gespielt hat“, sagt Issa.

Anfang Mai las er in der Zeitung die Aussage eines Schweizer Juristen: Vielleicht werde es nicht möglich sein, mehr als 20 Prozent der MubarakGelder wiederzuerlangen. “Auf solche Steilvorlagen warten die Fanatiker in unserem Land geradezu“, schimpft Issa. „Wenn der Westen in Ägypten ein paar Millionen neue bin Ladens heranzüchten will – dann sind solche Aussagen genau das Richtige.“