Der Ernte Dank

> Tobias Zick

Neon, Juni 2009
Viele der Tomaten und Zucchini in deutschen Supermärkten stammen aus einer monströsen Treibhauslandschaft in Südspanien - geerntet von Flüchtlingen, die kaum mehr Rechte haben als Sklaven.

Noch im Dunkeln hat er sich aus dem Bett erhoben und auf den winzigen Gebetsteppich gekniet, zwischen der Wand und dem Bett seines Zimmergenossen, und in sein Gebet zu Allah die üblichen Bitten eingestreut: dass die Spanier ihm Arbeit geben mögen an diesem Tag; dass er seiner Familie in Afrika ein bisschen Glück per Überweisung schicken könne, er, in den sie schließlich alle Hoffnung gesetzt hatten; aber noch ehe die Sonne aufging, dämmerte ihm, dass Allah, sofern er ihn überhaupt hörte, gegen die Gesetze des freien Marktes auch an diesem Tag wieder den Kürzeren ziehen würde.



Wenn es einen Gott gibt, dann hat er an diesem Wurmfortsatz von Europa ohnehin nicht viel zu melden.



Gomis Moutar, 25, ein schmaler, drahtiger Bursche mit gewissenhaftem Händedruck, steht an einer Straßenkreuzung in einem spanischen Kaff namens La Mojonera und wartet darauf, dass einer der Bauern in seinem Kleinbus vorfahren möge, ihm mit einem verschlafenen Kopf nicken bedeute einzusteigen, um ihn ins Gewächshaus zu fahren, für einen Job unter Plastikplane, in brütender Hitze, für 30, vielleicht 35 Euro am Tag, so genau weiß man das vorher nie.



Von Osten drängt ein schneidendes Blau die letzten Sterne vom Morgenhimmel, im gelben Licht der Laternen kommen immer mehr junge Männer zusammen, Männer aus Senegal, Gambia, Marokko; sie alle sind diesem Trugbild von Europa aufgesessen, einem Fiebertraum von Wohlstand und Glück; wie auf dem Strich stehen sie jetzt da, ihre Körper als billiges Werkzeug feilbietend. Neben Gomis tritt ein kleiner Rundlicher mit erschrockenen, schielenden Augen von einem Bein aufs andere, hält sein Handy mit beiden Händen umklammert, Gebetsgesänge eines Imams krächzen daraus, er drückt es sich unter der Jacke fest an die Brust. Man grüßt sich per Handschlag, man kennt sich, steckt in derselben Scheiße, spricht wenig. »Nichts zu machen«, murmelt Gomis Moutar, die Mundwinkel zu so etwas wie einem tröstlichen Lächeln aufgerichtet, »die Wirtschaftskrise.« Dieses Europa hat nichts mit dem zu tun, was er sich ausmalte, als er sein Leben auf alles oder nichts setzte und den Höllenritt in einem Holz kahn antrat, einer Nussschale voll rührenden Größenwahns in den Wellen des Atlantiks. »Wenn ich gewusst hätte, wie Europa wirklich ist, wäre ich nie in dieses Boot gestiegen.« Es ist der Wilde Westen der europäischen Gemüseindustrie rund um die südspanische Stadt Almería, zwischen Sierra Nevada und Mittelmeer; eine Enklave an der Costa del Sol mit ihren Sonnenbunkern. Vom Berghang aus blickt man über einen Ozean aus Plastikfolie; an dunstigen Tagen kann man die Grenze zwischen Plastikmeer und echtem Meer gar nicht erkennen. Eine Fläche, größer als die Stadt München. Ein beträchtlicher Teil der spanischen Tomaten und Zucchini, die ganzjährig in deutschen Supermärkten verkauft werden, kommt aus diesen Treibhäusern. Im Schnitt mehr als fünf Kilo Gemüse pro EU-Bürger werden in Almería jedes Jahr produziert.



Geerntet von »Sklaven der Moderne«, wie es ein Mann namens Spitou Mendy ausdrückt.



Mendy, 46 Jahre alt, ehemals Französisch- und Spanischlehrer im Senegal, ist heute einer von zwei hauptamtlichen Aktivisten der Landarbeitergewerkschaft SOC; ein Mann mit fester Stimme und entschlossenem Schritt. Er klopft an das Wellblechtor eines Treibhauses »Wir möchten bitte den Eigentümer sprechen«, ruft er durch den offenen Spalt hinein in die drückend heiße Luft. Neben ihm steht eine junge Marokkanerin namens Fouziya, 25, sie trägt eine ausgewaschene Trainingsjacke und ein bunt gestreiftes Kopftuch, Tränen tropfen in den Staub zwischen ihren Füßen, während er ihre Schilderungen übersetzt: Zwei spanische Anwerber kamen in ihre Heimatstadt Rabat, boten ihr und Dutzenden anderen Frauen Arbeitsverträge über neun Monate. Per Schiff kamen die Frauen nach Almería, wurden dort unter verschiedenen Patrónes, Arbeitgebern, aufgeteilt.



Der Mann, bei dem Fouziya und acht weitere Frauen landeten, habe sie in der Arbeiterunterkunft regelrecht eingesperrt gehalten, abends konnte man nicht frei ausgehen, zwei Monate lang bekam sie überhaupt kein Geld; ich zahle dich erst aus, wenn ich dich wieder zurück aufs Boot bringe, sagte der Patrón. Immer wieder musste sie die Tomatenstauden mit Pflanzenschutzmittel besprühen, ohne Schutzmaske, den schweren Schlauch in der Hitze hinter sich her schleppend, und einmal sank sie vor Übelkeit und Schwindel zusammen; da zog der Boss sie einfach beiseite, damit die anderen Frauen mit ihren Handkarren vorbeifahren und weiterarbeiten konnten.



Weil sie sich über die miserablen Zustände beschwerte und immer wieder am Telefon mit ihren Verwandten darüber sprach, schickte er sie schließlich weg; ihre Papiere hat sie bis heute nicht zurückbekommen.



Mit heulendem Motor biegt ein Jeep um die Ecke; es ist der Patrón, herbeitelefoniert von der osteuropäischen Vorarbeiterin. Zeternd springt er heraus, ein kompakter Mann mit Igelfrisur und hitzigem Gesicht; »was wollt ihr«, ruft er, »verschwindet, ich hole die Guardia Civil.« »Ja, rufen Sie die Polizei«, erwidert Spitou Mendy vollkommen ruhig, »das hätten wir ohnehin getan. Wir werden Sie nämlich anzeigen. « Die beiden Beamten, die kurz darauf eintreffen, hören sich die Schilderungen an, sehen den gut drei Meter hohen Zaun, hinter dem die Arbeiterinnen zur Mittagspause vor ihrer Baracke sitzen, das Tor mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Warum sind die Frauen eingeschlossen? »Das ist wegen der Sicherheit«, erklärt der Patrón, »sie haben Angst, ausgeraubt zu werden.« Die Beamten geben sich zufrieden, fahren davon; keine Anzeige. Als auch Spitou und Fouziya verschwunden sind, lässt sich der Landwirt schließlich überreden, die Reporter in sein Gewächshaus zu führen: »Kommt das nächste Mal ohne die von der Gewerkschaft, dann zeige ich euch alles, was ihr wollt.« Er rollt das Wellblechtor zur Seite; »ich kenne doch die Mentalität der Marokkaner«, sagt er, »das Mädchen hatte schlicht keine Lust zu arbeiten, deshalb hat sie sich auf den Boden geworfen. Außerdem empfing sie ständig Männer zu Besuch, darüber haben sich die anderen Frauen beschwert.« Er pflückt eine Tomate von der Staude, steckt sie sich demonstrativ in den Mund. »Jede Einzelne davon ist mit viel Liebe produziert«, sagt er kauend. Was ihn die Arbeitskraft der Erntehelferinnen insgesamt kostet, bezogen auf den Gesamtetat, will er nicht sagen - nur so viel: »Das ist wie bei den Tomaten. Wenn es viele auf dem Markt gibt, werden sie billiger, wenn es weniger sind, werden sie teurer.« Dann beginnt er über den Preisdruck durch die Supermärkte zu wettern; die englischen, die französischen, die polnischen, an die er seine Tomaten liefert - aber die härtesten von allen seien die deutschen. »Wenn mich ein Einkäufer aus Deutschland anruft und fragt, was das Kilo Tomaten diese Woche kostet, und ich sage ihm: einen Euro, dann sagt er, vielen Dank, woanders bekomme ich es für neunzig Cent. Knallhart. Die Deutschen sind die Allesfresser Europas. Egal, was ich hier drin anbauen würde: Die Deutschen würden es kaufen und essen. Hauptsache billig.« Die Supermarktkette Lidl, fügt er hinzu, sei hier als besonders harter Preisdrücker gefürchtet.



Das Unternehmen möchte gegenüber NEON keine Stellungnahme dazu abgeben.



Almería ist so etwas wie die Wirtschaftswunderregion Spaniens; bis in die 60er Jahre gab es hier ein paar Ziegenweiden und Kapernsträucher und eines der geringsten Pro-Kopf- Einkommen des ganzen Landes. Heute wachsen Millionen Tonnen von Tomaten und Zucchini, Auberginen und Galia-Melonen auf der unfruchtbaren Erde heran, durch Schläuche genährt mit einer präzise dosierten Nährlösung aus Brunnenwasser und Dünger, von den Plastikfolien ganzjährig gegen Wohl und Wehe der Naturgewalten abgeschirmt. Heute ist es eine der wohlhabendsten Regionen Spaniens und, wie der Schweizer Menschenrechtler Albert Widmer vom »Europäischen Bürgerforum «, sagt, »ein Extrembeispiel für Flexibilisierung und Ausbeutung in einer neoliberalen Wirtschaftsordnung.« Die Gewerkschafter hören täglich Geschichten von Patrónes, die statt des tariflichen Mindestlohnes von 43 Euro nur 30 oder 28 zahlen, die ihre Arbeiter Pflanzenschutzmittel sprühen lassen, ohne ihnen Schutzmasken zu geben, die sie wie Pferde antreiben, »schneller, schneller «, bei weit über vierzig Grad feuchter Hitze. »Und den Arbeitern bleibt keine andere Wahl, als all das über sich ergehen zu lassen«, sagt Spitou Mendy, »gerade jenen, die keine Papiere haben. Wenn sie aufmucken, dann sagt der Patrón: Da draußen warten hunderte andere auf einen Job. Und Papiere wiederum bekommt man erst, wenn man einen Arbeitsvertrag vorweisen kann.« Hinzu kommt die Konkurrenz durch legal ins Land geholte Saisonarbeiter wie Fouziya aus Marokko. Dass der spanische Staat sie vor Ausbeutung schützen könnte, darauf hoffen die wenigsten - Ende März etwa wurden in Almería mehrere Polizisten und Beamte der Ausländerbehörde verhaftet; sie sollen einem Netzwerk angehört haben, das Migranten um Geld erpresste.



Für Albert Widmer sind die Wildwestzustände in Almería »keine unfreiwilligen Nebenerscheinungen, sondern fester Bestandteil des heute weltweit dominierenden agroindustriellen Modells. Nur billigste Saisonarbeiter, ohne Rechte und jederzeit verfügbar, ermöglichen niedrige Erzeugerpreise. Um diese Produktionsform am Leben zu halten, ist es nötig, die verschiedenen Gruppen von Landarbeitern gegen einander auszuspielen und ein Überangebot an Arbeitskräften - eine Reservearmee - zu schaffen.« Der Nachschub für diese Reservearmee reißt nicht ab: Europa exportiert seine eigene Überproduktion an Gemüse und Milchpulver nach Afrika. So hoch subventioniert, dass man auf Märkten in Senegal europäisches Gemüse billiger bekommt, als es die heimischen Bauern erzeugen könnten. »Zerstörerisches Dumping« nennt das der UN-Berater Jean Ziegler; es ist ein Grund dafür, dass die Wirtschaft von Ländern wie Senegal brachliegt - und Männer wie Gomis ihr Leben in ein Holzboot legen und in Richtung Kanarische Inseln steuern, getrieben von der Hoffnung auf Ausbildung und Arbeit und Wohlstand, und schließlich in der Treibhaushölle von Almería landen. »Es ist ein Wirtschaftskrieg, der hier ausgefochten wird«, sagt Spitou Mendy. Zehntausende solcher sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge arbeiten in Almería oder suchen hier nach Arbeit, im Nacken die Erwartung der Familie daheim, dass der stolze, glückliche Sohn, der es in jenes Satellitenfernseh-Europa der Bürgervillen und blitzsauberen Autos geschafft hat, stetig eine tüchtige Portion von seinem Wohlstand abzweigen und über »Western Union« heimschicken möge. Viele erzählen ihrer Familie gar nicht erst, dass sie hier näher am Sklaventum leben als am Paradies. Die Verwandten würden ihnen ohnehin nicht glauben. In Europa ist es hart, Geld zu verdienen? Du beliebst zu scherzen, lieber Sohn. Jeder schafft es in Europa! Warum nicht du?



Gomis Moutar lehnt sich auf den Tresen der Postfiliale von La Mojonera, reicht dem Beamten einen Hunderteuroschein zur Überweisung in die Heimat; ein Mitbewohner hat ihm das Geld gegeben. Wenn er selbst einmal in Not geraten sollte, werden ihm die anderen helfen, inschallah; ohne den Zusammenhalt der Senegalesen innerhalb ihrer Wohngemeinschaften würden die Ersten längst auf der Straße schlafen. Bei den Marokkanern ist es anders; etliche von ihnen hausen zwischen den Treibhäusern in Verschlägen aus Holzplanken und Plastikfolienresten.



Wenn Gomis sich nach einem weiteren dieser verlorenen Tage ins Bett legt, läuft seine Reise immer wieder wie ein Film in seinem Kopf ab; gut 900 Euro für den Schlepper hatte seine Familie zusammengekratzt, für eine Ausbildung in Europa, für eine bessere Zukunft. Es war eine Nacht ohne Sterne, als er aufbrach, das Prasseln des Regens mischte sich in das Branden der Wellen, und der Kapitän, ein Fischer, sagte: Vertraut mir, ich kenne das Meer. Acht Tage und Nächte dauerte die Fahrt, sie waren an die hundert Männer, sie tranken Wasser aus Kanistern und kochten auf einem Gasbrenner, und wenn sie in mannshohe Wellen gerieten, schrien einige vor Panik, einer verlor den Verstand und stürzte sich über Bord, ein anderer sank in sich zusammen, an Entkräftung gestorben, sie mussten ihn dem Meer übergeben.



Als sie am neunten Tag Land sahen, brachen sie in Jubel aus und dankten Allah, dass er ihre Hoffnung nicht enttäuscht hatte.



Nach vierzig Tagen im Flüchtlingslager setzten die Beamten Gomis in ein Flugzeug nach Barcelona, dort ließen sie ihn gehen, einen Bescheid in der Tasche, laut dem er binnen einer Woche das Land verlassen musste. Er tauchte unter bei einem Bekannten von Bekannten, hörte, dass es möglicherweise Arbeit gebe in Almería; im Mondschein fuhr er vorbei an einem endlosen Strom von silbrigem Glanz; ein großer Fluss, dachte er. Seit Januar findet er selbst unter diesen Plastikdächern keine Arbeit mehr.



In anderen Gegenden des Landes, auf Olivenhainen und Erdbeerplantagen, haben sich in den vergangenen Monaten Spanier, die wegen der Wirtschaftskrise ihre Arbeit verloren hatten, mit den Marokkanern und Schwarzafrikanern um die Erntejobs gestritten, das hatte es vorher noch nie gegeben.



In Almería sind die Ausländer noch weitgehend unter sich; so tief ist noch kaum ein Spanier gesunken, dass er sich um einen dieser Treibhausjobs streiten würde. Doch untereinander wird die Konkurrenz immer härter; wer es irgendwie geschafft hatte, war in der Vergangenheit aufgestiegen in besser bezahlte Bauarbeiterjobs, doch der Bausektor liegt jetzt völlig brach, die Leute kommen zurück, und das Angebot an billigen Arbeitskräften an den Straßenkreuzungen steigt und steigt.



Was Gomis bleibt, ist sein Traum, in Europa eine Ausbildung zu machen, dann in die Heimat zurückzukehren, dort eine Firma aufzubauen. »Ich würde gern meinen Verwandten, meinen Freunden, meinen Nachbarn Arbeit geben, allen, die arbeiten können und wollen.



Und meine Vision wäre, dass ihr dann in zehn Jahren senegalesische Produkte hier in Europa kaufen könnt.« Aber einen Ausbildungsplatz bekommt man nicht ohne Aufenthaltsgenehmigung. Und die bekommt man nicht ohne das Wohlwollen der spanischen Behörden und den Nachweis einer regelmäßigen Arbeit im Land. »Wenn sich die Wirtschaftskrise weiter so zuspitzt «, sagt Gomis, »dann kommen als Nächstes die Spanier auch hierher. Und prügeln sich mit uns selbst noch um diese Drecksjobs.«