Der Fall C12 H22 O11

> Tobias Zick

GEO 03/05

Er war einst kostbar, und es gibt ihn nun im Überfluss. Er sorgt für Streit zwischen armen und reichen Ländern. Und für Zwist zwischen Gesundheits-Experten und Industrie. Zucker erzählt eine aufschlussreiche Globalisierungs-Geschichte; ist ein modernes Weltwirtschafts-Drama, aufzuführen in sechs Akten

Prolog

Von Corvo und Chumpa, Belinda und Dorena
Ein Zuckerrohrschneider: Ignacio, 14 Jahre, El Salvador
Ein EU-Rübenbauer: Stephan Hesse, 34 Jahre, Niedersachsen

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn die Machete vom harten Stängel des Zuckerrohrs zurückspringt und ins Fleisch der Erntearbeiter schneidet. Die meisten in der Region haben diese langen Narben an Beinen und Händen. Dass eine Sehne durchtrennt wird, kommt zum Glück nicht alle Tage vor. Ein Arztbesuch kann schließlich mehr als einen Tageslohn kosten.

Ignacio, 14, weiß, wofür sich die Arbeit unter der glühenden Sonne lohnt: „Ich spare auf schwarze Schuhe”, sagt er und zeigt auf die ausgefransten, schmutzig weißen Treter, in denen seine Füße stecken. „Mit denen hier lassen sie mich in der Schule nicht mehr rein.”

Ein Drittel der Bevölkerung von El Salvador arbeitet in Zuckerplantagen oder -fabriken; ein Landarbeiter bekommt rund 75 US-Dollar im Monat. Das genügt einer Familie nicht für das Allernötigste. Viele Mütter haben deshalb keine andere Wahl, als zuzusehen, wie ihre Kinder im Morgengrauen den Fußmarsch zur Plantage antreten. Die Jungen schlagen sich mit Werkzeugen wie Machete, corvo und chumpa (Erntemesser und -sichel) durchs Zuckerrohr, die Mädchen sind fürs Pflanzen des schilfartigen Gewächses zuständig. Das gibt keine langen Narben, nur Blasen und kleinere Schnitte an den Händen. Manche von ihnen schnallen sich auch einen Kanister Insektengift auf den Rücken.

Stephan Hesse, 34, fährt jedes Jahr zwischen März und April mit dem Traktor über einen seiner Äcker bei Hildesheim-Einum. Die Maschine im Schlepptau versenkt exakt alle 20 Zentimeter einen Rübensamen in der Erde. Die Kügelchen sind mit einer farbigen Hülle überzogen, sodass man die Sorte „Belinda” von „Dorena” unterscheiden kann. Und sie sind mit Insektengift präpariert, damit Tausendfüßer und Moosknopfkäfer, sollten sie von den Keimlingen naschen, nicht überleben.

Zwischen Mitte September und Heiligabend ist Erntezeit. Im nahen Nordzucker-Werk Clauen wird dann rund um die Uhr geschnitzelt, verdampft, getrocknet. Stephan Hesse packt eine reife Rübe am Blätterschopf und zieht sie rüttelnd aus der Erde. Im Hintergrund rauscht der Verkehr auf der B 1 Richtung Braunschweig. „Man nennt die Zuckerrübe ja die Königin der Feldfrüchte”, sagt Hesse und begutachtet das kegelförmige, knorrige Gewächs. „Erstens, weil sie so anspruchsvoll ist wie kaum eine andere. Und zweitens, weil sie uns Landwirten mit Abstand den höchsten Gewinn bringt. Dank der EU-Zuckermarktordnung.”

Die Kinderarbeit auf den Zuckerrohrplantagen von El Salvador ist nur ein Beispiel, das die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch” ans Licht geholt hat. Mehr als 17 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren arbeiten in Lateinamerika, schätzen Mitarbeiter der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen. Und als gefährlichste Form der Kinderarbeit gilt das Schneiden von Zuckerrohr – jenes Gewächses, mit dem Europas Kolonialmächte einst weite Landstriche der Erde überzogen haben.

Stephan Hesses Hof ist nur einer von etwa 230000 Agrarbetrieben in den 15 alten EU-Ländern, die von einer der letzten Bastionen der Planwirtschaft profitieren. Für Zuckerrüben bekommt Hesse pro Hektar im Schnitt 3000 Euro, etwa dreimal so viel wie bei einem Hektar Weizen. Noch. „Wenn die Marktordnung reformiert wird”, sagt er, „können zwei Drittel der Höfe hier dichtmachen.”

Was Stephan Hesse und Ignacio ernten, hat eines gemeinsam: Das Endprodukt ihrer Arbeit trägt die chemische Formel C12H22O11. Saccharose, die Verbindung eines Traubenzucker- und eines Fruchtzucker-Moleküls. Treibstoff eines globalen Milliarden-Geschäfts. Im Jahr 1747 entdeckte der deutsche Chemiker Andreas Marggraf, dass sich aus der weißen Runkelrübe der gleiche süße Stoff isolieren ließ, der das Zuckerrohr aus den Kolonien so kostbar machte. Chemisch und geschmacklich gibt es keinen Unterschied zwischen dem Zucker aus Rohr und Rübe. Aber der Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt könnte ungerechter kaum sein. Der Stoff, der das Leben versüßt, ist ein Paradebeispiel für die fast unlösbare Aufgabe, Globalisierung fair zu gestalten.

Erster Aufzug

Schlacht um Macht und Marktordnung im ABC-Zuckerreich
Der Ankläger: Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaft
Der Reformer: Franz Fischler, Ex-EU-Agrarkommissar

Die Zuckermarktordnung der EU, fast unverändert seit ihrer Einführung 1968, ist ein Gestrüpp aus „Interventionspreisen”, „A- und B-Quoten”, „Ausfuhrerstattungen” und „Präferenzabkommen”. Die EU-Bauern bekommen für im voraus festgesetzte Liefermengen feste Preise; gleichzeitig schützt sich der Wirtschaftsraum mit einer Mauer aus Zöllen gegen Einfuhren aus Ländern wie El Salvador oder Brasilien. Kunden können nicht ausweichen. Wer immer in der EU Zucker verbraucht, ob eine kleine Bäckerei oder ein Weltkonzern wie Coca-Cola, muss einen Mindest-Tonnenpreis von 632 Euro zahlen – für ein Produkt, das auf dem Weltmarkt zwischen 125 und 230 Euro gehandelt wird. So lohnt es sich sogar, in dafür eigentlich viel zu kalten Ländern wie Finnland oder in viel zu heißen wie Italien Zuckerrüben anzubauen.

Es ist eine solche Praxis, die der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz als Beispiel für die „Heuchelei” der reichen Industrienationen geißelt: „Während sie den Entwicklungsländern gepredigt haben, ihre Wirtschaftszweige nicht zu subventionieren, unterstützten sie ihre Landwirte weiterhin mit Milliarden-Beträgen, sodass die Entwicklungsländer nicht mithalten konnten.”

Die Produktion von Zucker im Rahmen der A- und B-Quoten ist so lukrativ, dass die EU-Bauern mehr anbauen als nötig – damit sie auch im Fall einer schlechten Ernte ihre Abnahme-Garantien ausschöpfen können. Der überschüssige so genannte C-Zucker wird zum Weltmarktpreis verkauft. Und obwohl der nicht einmal die Produktionskosten deckt, lohnt sich das dank der saftigen Einkünfte aus A- und B-Quoten und zusätzlicher Exportsubventionen trotzdem. Mit ihrer Überproduktion bringen es Europas Zuckerkonzerne auf einen Weltmarkt-Anteil von 14 Prozent – und drücken dort zusätzlich die Preise. Der Effekt: „Europäische Verbraucher und Steuerzahler”, kritisieren zum Beispiel Mitarbeiter der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, „finanzieren ein System, das es den Schwächeren unmöglich macht, der Armut zu entrinnen.”

Würden Länder wie die EU, Japan und die USA ihren Zucker-Protektionismus abschaffen, schätzt die Weltbank, könnte der Preis auf dem freien Weltmarkt um bis zu 40 Prozent steigen und Millionen Menschen in armen Ländern ein höheres Einkommen bescheren.
Zudem würden auch die Menschen in den reichen Ländern profitieren. Denn als der Europäische Rechnungshof die Zuckermarktordnung im Jahr 2001 unter die Lupe nahm, stellte sich heraus: Um bis zu 6,5 Milliarden Euro jährlich macht das bisherige System die EU-Bürger ärmer. Sie bezahlen doppelt: durch Steuern für die Exportsubventionen und durch überteuerte Preise für alle Produkte, die Zucker enthalten. Zudem brauchen Zuckerrüben viel Wasser, etwa dreimal so viel wie Weizen – und hohe Mengen an Herbizid. „Das heißt”, fahren die Autoren fort, „die weit über dem EU-Bedarf liegende Erzeugung hat auch vermeidbare umweltschädigende Auswirkungen.”

Das Umsteuern hat begonnen. Im Sommer 2004 haben die Industrienationen im Rahmen der Welthandelsrunde zugesagt, langfristig alle Agrarsubventionen abzuschaffen. Wenig später hat das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO auf Klage von Brasilien, Australien und Thailand die Zuckerpolitik der EU für illegal erklärt.

In Brüssel beraten die Politiker über die Zukunft der Zuckerwirtschaft. Sowohl Quoten als auch Garantiepreise sollen nach einem Vorschlag des ehemaligen EU-Agrarkommissars Franz Fischler schrittweise schrumpfen, am besten schon ab 2005. Den zu erwartenden „Kassandra-Rufen” von dadurch gefährdeten Arbeitsplätzen hielt Fischler vorsorglich entgegen: Auch vor der Reform seien, vor allem in den Zuckerfabriken, innerhalb des letzten Jahrzehnts 17000 Stellen wegrationalisiert worden.

Doch klar ist: Im globalen Kampf um den Zucker wird es Verlierer geben. Und dazu werden nicht nur deutsche Bauern gehören.

Zweiter Aufzug

Die Armen und die Superarmen
Kläger 1: Sutiawan Gunessee, EU-Botschafter von Mauritius
Kläger 2: Ali Youssuf Ahmed, EU-Botschafter des Sudan

Sutiawan Gunessee, Botschafter des Inselstaats Mauritius bei der Europäischen Union, sitzt in einem braunen Ledersessel in seinem Brüsseler Büro, die Unterarme auf die Lehnen gestemmt. Er neigt den Kopf zur Seite, atmet tief durch, dann lässt er die diplomatische Contenance fallen. „Herrn Fischlers Reformvorschlag war eine Aufforderung zum Selbstmord. Was sollen die Menschen in unserem Land denn machen, außer Zucker zu produzieren? Irgendwo illegal einwandern? Drogen anbauen und exportieren?”

Mauritius ist einer von 19 so genannten AKP-Staaten, einer Gruppe ehemaliger europäischer Kolonien in Afrika, in der Karibik und im Pazifik. Als die Europäer abzogen, hinterließen sie Zuckerrohrplantagen, aber kaum Raffinerien zur Veredlung – das Recht hatten sich die Kolonialmächte stets selbst vorbehalten. Als Trost teilten sie den Ländern feste Quoten für Rohzucker zu, den diese bis heute zu EU-Garantiepreisen nach Europa liefern dürfen. Größtenteils in Großbritannien raffiniert, landet die Ernte dann, mit zusätzlichen Exportsubventionen bedacht, auf dem Weltmarkt.

Muss die EU nun ihren Zuckerpreis senken, trifft das die Einnahmen für die Produzenten in den AKP-Staaten empfindlich. „Wir sehen ein, dass die EU etwas ändern muss”, sagt Gunessee, „aber bitte nicht auf dem Rücken der ehemaligen Kolonien.”

Kaum ein Land hängt so sehr am Tropf der EU-Zuckermarktordnung wie Mauritius, das rund 90 Prozent seines Rohzuckers nach Europa exportiert. Rund um die Fabriken seien Schulen, Krankenhäuser und Straßen entstanden, sagt Gunessee. „Da würde eine ganze Lebensform verschwinden. Wir haben nicht solche Alternativen wie die Europäer. Zuckerrohr speichert Wasser, schützt vor Erosion, hält Zyklonen stand. Die Europäer sind in der moralischen Pflicht, uns zu helfen. Schließlich haben sie das Zuckerrohr zu uns gebracht.”

Mauritius steht auf Platz 64 des „Human Development Index” der Vereinten Nationen, der Sudan auf Platz 139. Ali Youssuf Ahmed, der sudanesische EU-Botschafter, ist Sprecher der Gruppe Zucker exportierender LDCs, Least Developed Countries. Die Ärmsten unter den Entwicklungsländern können ab 2009 zollfrei Zucker in die EU exportieren. Bis dahin haben sie das Recht, insgesamt 120000 Tonnen jährlich auszuführen. Ein winziges Zugeständnis. Die 49 ärmsten Länder dürfen gerade einmal die EU-Nachfrage von drei Tagen befriedigen, hat man bei Oxfam errechnet. Und selbst diese Mini-Quote haben die EU-Verantwortlichen seinerzeit nicht etwa den heimischen Produzenten abgezwackt – sondern den AKP-Staaten. „Man kann doch nicht von den Armen nehmen, um den Ärmsten zu geben”, klagt Ali Youssuf Ahmed.

Was wird aus den AKP- und den LDC-Ländern? „Individuelle Lösungen”, heißt es bei der EU-Kommission, müssten für jedes Land gefunden werden. Oxfam schlägt vor, die Quoten für diese Staaten kräftig aufzustocken und die der EU-Bauern im Gegenzug um ein Drittel zu senken – „um die Exporte völlig zu stoppen”.

Dritter Aufzug

Eine Galaxie aus Kristallen und die Angst vor Brasilien
Berufsbedenkenträger: Jean-Louis Barjol, Zuckerlobbyist in Brüssel
Beschwichtiger: Gregor Kreuzhuber, Sprecher bei der EU

Bisher hatte ich großen Respekt für Oxfam”, schimpft Jean-Louis Barjol, „aber den habe ich komplett verloren.” Der Franzose ist Generaldirektor des „Komitees europäischer Zuckerfabrikanten” in Brüssel. Über seinem Schreibtisch hängt das Bild einer Galaxie aus Zuckerkristallen. Er steht vor einer Weltkarte mit der Überschrift „World Sugar Map” und holt zu einer kreisenden Handbewegung aus: „Wir Europäer sind umgeben von Zucker importierenden Ländern”, sagt er. „Russland, Nordafrika… es wäre doch verrückt, wenn wir diesen Markt einfach aufgeben würden. Und was ist mit der Schweiz? Die Schweiz importiert 150000 Tonnen Zucker aus der EU. Sollen die Schweizer sich künftig aus Brasilien beliefern lassen? Die haben doch nicht mal einen Hafen.”

Barjol zieht eine Broschüre aus der Schublade: „Darauf sind wir sehr stolz.” Ein Kodex zur „Sozialen Verantwortung der Unternehmen in der Europäischen Zuckerindustrie”. Auf ihre hohen Ethik-Standards verweisen die EU-Produzenten bei jeder Gelegenheit: Sollen Europäer etwa künftig südamerikanischen Zucker verspeisen, womöglich von Kinderhand gepflanzt und geerntet?

„Die machen es sich zu einfach”, hält Gregor Kreuzhuber, Sprecher des ehemaligen EU-Agrarkommissars Fischler, dagegen: „Man kann Brasiliens Wettbewerbsfähigkeit nicht einfach immer nur auf niedrige Sozialstandards und Löhne reduzieren. Das Land hat nun einmal Regionen mit perfekten Klima- und Bodenverhältnissen.”

Woher die allgegenwärtige Nervosität rührt, wenn es um Brasilien geht, ist offensichtlich: Es wird sehr eng auf dem Weltmarkt. Seit den späten 1960er Jahren hat sich die globale Zuckerproduktion mehr als verdoppelt. Sie liegt heute bei gut 100 Millionen Tonnen aus Zuckerrohr und knapp 40 Millionen Tonnen aus Zuckerrüben. Vor allem in vielen Entwicklungsländern wird der Verbrauch zwar weiter steigen. In den industrialisierten Ländern stagniert er dagegen seit Jahrzehnten oder nimmt ab.

Um das Jahr 1800 verspeiste ein Deutscher im Durchschnitt rund zwei Kilogramm Zucker im Jahr, 100 Jahre später schon sechs Kilogramm. Heute sind es gut 36 Kilo, fast genau 100 Gramm pro Tag – dazu kommen noch die anderen Zuckerarten wie Fruktose, Traubenzucker oder Maissirup. Zahnärzte stöhnen. Ernährungswissenschaftler halten Reden, schreiben Bücher. Braucht die Menschheit tatsächlich noch mehr Zucker?

Vierter Aufzug

Opium fürs Proletariat – der Siegeszug eines exotischen Grases
Wegbereiter: Christoph Kolumbus
Verbreiter: Generationen von Händlern
Gehilfen: Generationen von Sklaven

Ein Heerführer Alexanders des Großen berichtet, in Indien gebe es „ein Schilfrohr, das ohne die Mithilfe von Bienen einen Honig entstehen lässt, obwohl die Pflanze keinerlei Früchte trägt”. Das von den Salomonen im Südpazifik stammende Zuckerrohr gelangt im Laufe der Jahrhunderte bis in den südlichen Mittelmeerraum, doch im Europa nördlich der Alpen bleibt das süße Kristall bis etwa 1100 nach Christus unbekannt. Auch in den folgenden Jahrhunderten wird die Rarität lediglich als Medizin und Gewürz gehandelt. Heinrich III. von England gibt im Jahr 1226 den Auftrag, drei Pfund Zucker aus Alexandria zu bringen – falls eine solch große Menge auf einmal zu beschaffen sei.

Die große Wende in der Geschichte des Zuckers löst Christoph Kolumbus im Jahr 1493 aus: Er bringt Zuckerrohr von den Kanaren auf die frisch eroberte und geplünderte Karibik-Insel Santo Domingo. Wenig später werden die ersten afrikanischen Sklaven auf die Plantagen eingeschleppt.

Der Zuckermarkt, schreibt der US-amerikanische Anthropologe Sidney W. Mintz, entwickelte sich zu einer der „gewichtigsten demographischen Kräfte in der Weltgeschichte”. Zwischen 1701 und 1810 werden mehr als 900000 afrikanische Zwangsarbeiter allein nach Jamaika und Barbados deportiert. Der Sklaven-Import, so Mintz weiter, sei „der wohl größte Einzelbeitrag Europas zu seinem eigenen ökonomischen Wachstum gewesen”.

Aber trotz der wachsenden Importe aus den Kolonien bleibt der Zucker noch lange ein Luxusgut der Reichen – mit nicht nur guten Folgen. Ein deutscher Reisender berichtet im 16. Jahrhundert von einem Besuch am Hof der englischen Königin Elizabeth I.: „Ihre Lippen sind schmal und ihre Zähne schwarz (ein Mangel, an dem die Engländer deshalb zu kranken scheinen, weil sie allzu viel Zucker verwenden).”

Mit dem Preisverfall im 18. Jahrhundert schließlich, schreibt Mintz, „wandelte sich die Bedeutung des Zuckers im Leben des englischen Volkes radikal”: Die entstehende Arbeiterklasse entdeckt das süße Kristall aus den Kolonien, ins neue Nationalgetränk Tee gerührt, als schnellen Energiespender und Seelentröster. Aus dem Luxus der Könige wird „Opium” fürs Proletariat. Schon zu jener Zeit wissen die Händler und Plantagenbesitzer ihre Interessen zu vertreten: Auf ihr Wirken hin werden in britischen Armenhäusern auf Staatskosten Süßigkeiten verteilt. Um 1900 liefert Zucker in England ein Sechstel der Kalorienmenge pro Kopf.

Fünfter Aufzug

Süße Verlockung, bittere Erkenntnis
Hüter der Gesundheit: Kaare Norum u. a., Wissenschaftler (WHO)
Diener der Wirtschaft: Vertreter der Sugar Association (USA) und der International Sugar Association (London)

Genf, Weltgesundheitsorganisation, im Jahr 2004. Mindestens 180 Millionen Erdenbürger sind zuckerkrank. Im Jahr 1985 waren es noch 30 Millionen, bis 2030 dürfte sich die heutige Zahl der Diabetes-Fälle noch verdoppeln. Vor einer globalen Epidemie warnt die WHO, besonders die Entwicklungsländer seien in Gefahr. Auf die Gesundheitssysteme rollt eine Kostenlawine zu.

In zweijähriger Arbeit haben 30 führende Wissenschaftler aus aller Welt für die WHO ein Strategiepapier erarbeitet. Es trägt den Titel: „Ernährungsgewohnheiten und die Verhütung chronischer Krankheiten”. Ein ganz großer Konsens sei das 160-seitige Werk, freut sich einer der Beteiligten. „Am Ende waren 30 Wissenschaftler mit jedem einzelnen Wort darin zufrieden.”

In einer unscheinbaren Tabelle auf Seite 56 heißt es: „Freie Zucker” sollten zu höchstens zehn Prozent des täglichen Kalorienbedarfs des Menschen beitragen. In einer Fußnote folgt die Erläuterung: Freie Zucker sind „alle Mono- und Disaccharide, die der Nahrung durch Hersteller, Koch oder Verbraucher zugesetzt werden, plus jene Zucker, die von Natur aus in Honig, Sirup und Fruchtsäften vorkommen”.

Was nach Veröffentlichung der Studie losrollt, verschlägt selbst erfahrenen Ernährungs-Experten die Sprache. „Es war wie eine Bombe”, sagt die zuständige WHO-Abteilungsleiterin.

Der Präsident der US-amerikanischen „Sugar Association” droht der WHO, auf den US-Kongress einzuwirken, um der Organisation die Mittel streichen zu lassen: „Die Dollars der Steuerzahler sollten nicht dazu verwandt werden, irreführende, unwissenschaftliche Berichte zu unterstützen.” Man werde „jeden gangbaren Weg nutzen, um die unseriöse Machart dieses Reports zu enttarnen”.

Der norwegische Professor Kaare Norum, Senior unter den beteiligten Wissenschaftlern, ist außer sich: „Sie sagen, unser Bericht sei unwissenschaftlich? Das ist Bullshit. Der ist einwandfrei.”

Aus London springt die „International Sugar Organization” (ISO) den US-Kollegen mit einem wirtschaftlichen Schreckens-Szenario zur Seite: Beim Schrumpfen des Verbrauchs würden Zucker exportierenden Ländern die Einkünfte wegbrechen. Der Weltbank-Ökonom Don Mitchell widerspricht. Er rechnet vor, dass eventuelle Absatzrückgänge durch das Bevölkerungswachstum mehr als wettgemacht würden – und dass es sich außerdem für Entwicklungsländer lohne, statt auf die Produktion von Zuckerrohr verstärkt auf Obst und Gemüse zu setzen.

Doch neben der US-Regierung beginnen auch einige der ärmsten Länder der Welt in der WHO-Runde, den Rat der 30 Experten zurückzuweisen. In der endgültigen Fassung des Strategiepapiers, verabschiedet im Mai 2004 von den WHO-Mitgliedsstaaten, heißt es nur noch: Die Aufnahme von Zucker möge „reduziert” werden.

Die zehn Prozent sind verschwunden.

Trotzdem zeigen die Warnungen Wirkung. Das französische Parlament hat ein Verbot von Süßigkeitenautomaten an öffentlichen Schulen verabschiedet. Schokoriegel und Limonade dürfen ab September 2005 dort nicht mehr verkauft werden.

Die Industrie sieht bröselnden Absätzen entgegen – und sucht nach Alternativen. „Der Markt für kalorienarme, blutzuckerneutrale Süße beginnt sich in den USA, Asien und Europa erst zu entwickeln”, heißt es in einer Zeitschrift des Nordzuckerkonzerns. Das Unternehmen werde seine Position dabei „ausbauen”.

Sechster Aufzug

Vom Acker in den Auspuff – die Verwandlung der ungeliebten Ernte
Vorreiter: Ernesto Geisel, Ex-Präsident von Brasilien
Förderer: Matthias Berninger, Staatssekretär; Marion Nestle, Ernährungswissenschaftlerin

Zuckermarkt-Reform, düstere Export-Aussichten, Imageprobleme der Saccharose – wie soll es weitergehen mit Rohr und Rüben? Ein Modell wird erprobt: die Umwandlung des Zuckers in Alkohol als Treibstoff für Autos.

Brasilien, im Jahr 2004. Das südamerikanische Land ist der Riese, vor dem sich die EU-Zuckerindustrie am meisten fürchtet. Seit Mitte der 1970er Jahre hat Brasilien seine Produktion auf 25 Millionen Tonnen vervierfacht. Auf Kosten der Regenwälder – und nicht nur für Süßigkeiten: Mit dem Programm „Proalcool” subventionierte das Militärregime von Präsident Ernesto Geisel ab 1974 massiv die Vergärung von Zucker zu Ethanol. Zehn Jahre später fuhren fast 80 Prozent aller neu zugelassenen Autos mit reinem Alkohol. Das Programm erwies sich bei fallenden Ölpreisen als zu teuer, die Subventionen wurden schrittweise wieder abgebaut, und mit ihnen schwanden die rein alkoholbetriebenen Fahrzeuge. Doch noch immer enthält handelsübliches Benzin in Brasilien 26 Prozent Ethanol.

„Für sich betrachtet, ein hoch interessanter Treibstoff”, findet Matthias Berninger, grüner Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Ernährung. Schon heute darf europäischem Benzin bis zu fünf Prozent Ethanol beigemischt sein. Der Alkohol gilt als willkommenes Antiklopfmittel für den Motor.

Auf dem langen Weg ins Wasserstoff-Zeitalter ist Bioethanol zumindest übergangsweise interessant, weil es vergleichsweise wenig Treibhausgase freisetzt. Studien der Internationalen Energieagentur (IEA) haben ergeben: Rechnet man die Energie ein, die zur Gewinnung eines Treibstoffs aufgewendet werden muss, bringt Ethanol aus europäischen Zuckerrüben eine CO2-Ersparnis von mehr als 40 Prozent gegenüber Benzin. Bei brasilianischem Zuckerrohr sind es sogar über 80 Prozent.

Auch im Vergleich mit Biodiesel, wie er beispielsweise aus Raps gewonnen wird, ist „Zucker im Tank” überlegen: Für dieselbe Menge Sprit ist wesentlich weniger Ackerfläche nötig. Bis 2020, so die IEA-Experten, könnte Ethanol aus Zuckerrohr etwa zehn Prozent des Weltverbrauchs an Benzin ersetzen – zu geringen Kosten.

„In Brasilien”, sagt Staatssekretär Berninger, „sind heute 35 Prozent der neu zugelassenen Autos mit ,Flexible Fuel”-Technik ausgerüstet. Das weiß hier kaum jemand.” Das System erlaubt es dem Fahrer, wahlweise Benzin, Bioethanol oder eine beliebige Mischung zu tanken. „Volkswagen hat bei diesen Fahrzeugen einen Marktanteil von 50 Prozent bei Neuzulassungen. Das ist für die deutsche Autoindustrie eine mächtige Chance, gerade in Entwicklungsländern.”

Auch für das ölabhängige Europa sieht die Weltbank im Bioethanol eine „attraktive Option” – und gute „Absatzchancen für überschüssige Zuckerproduktion”.

Zum 1. Januar 2003 hat der Bundestag Biokraftstoffe von der Mineralölsteuer befreit. Die „Wirtschaftliche Vereinigung Zucker” begrüßt das – und verweist auf geplante „Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe”. Die deutsche Zuckerwirtschaft erkläre sich „bereit, ihren Beitrag zu einer umweltgerechten Mobilität der Gesellschaft zu leisten”.

Stolz verweisen ihre Vertreter darauf, dass Nikolas August Otto, der Erfinder des Verbrennungsmotors, in seinem Prototyp schon anno 1860 Ethanol als Kraftstoff nutzte. Beteiligt an der Finanzierung des Projekts war ein Unternehmen, das Zucker herstellte.

In diesem Punkt können sich selbst die leidenschaftlichsten Kritiker der Zuckerindustrie nur anschließen. „Ja, nehmt den Zucker und lasst Autos damit fahren”, sagt Marion Nestle, streitbare Professorin der New York University: „Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist das eine wunderbare Lösung.”