Die lupenreine Sucht

> Tobias Zick

NEON, Mai 2006

Mehr als hunderttausend Deutsche sind dem Glücksspiel so verfallen, dass sie eine Therapie benötigen. Die Prozesse im Gehirn sind mit Kokainsucht vergleichbar. Nur ist Spielen teurer, denn das Geld selbst wird zum Stoff. Der Staat tut nichts, denn er verdient gut an dem Elend.

Der Abend würde groß und wild werden, das war klar; da ahnte er im Traum noch nichts von Kontrollverlust und Suchtgedächtnis und Schuldnerberatung und all diesen Dingen. Er war gerade achtzehn geworden, und er träumte davon, endlich mit einem Mädchen im Arm durch die Nacht zu gehen. Die Brünette am Eingang vom Spielsalon lächelte und trug ein bauchfreies Oberteil, und weil die Billardtische alle besetzt waren, wechselten er und sein Kumpel ein paar Scheine und setzten sich vor einen dieser Daddelautomaten; die Kiste blinkte und dudelte, und sie drückten ein bisschen auf den Knöpfen herum, und am Ende kamen unten so viele Münzen raus, dass das Geschepper gar nicht mehr aufhören wollte. Die Leute ringsrum schauten natürlich, die Brünette vom Eingang auch, und als sie den Laden verließen, hatten sie nicht mehr vierzig, sondern zweihundert Mark in der Tasche, und dann gingen sie zum ersten Mal in die Disco und gaben sich die Kante. Der Abend wurde so wild, dass der dritte Kumpel, der später dazukam, sich irgendwann mit einem epileptischen Anfall auf dem Boden wälzte. Nur um irgendwelche Mädchen anzusprechen, dafür hatte die Wildheit nicht gereicht.

Oliver ist jetzt 24 und für zwölf Wochen in stationärer Behandlung wegen Spielsucht. Er sitzt im Wintergarten einer Fachklinik in Bredstedt, Nordfriesland; es tut gut hier, sagt er, endlich reden und sich öffnen und begreifen, wie es so weit kommen konnte. An den Wänden hängen Gipsmasken mit Blitzen und Tränen um die Augen und Kreuzen auf der Stirn; das ganze Repertoire mieser Gefühle, ergotherapeutisch verarbeitet, und einer erzählt gerade von den Heroinsüchtigen drüben auf der Akutstation; die Typen da sind so fertig, dass sie sich Erdkröten gefangen und mit Blättern abgewischt und die Blätter dann geraucht haben. Sie lachen. Es ist befreiend zu wissen, dass es anderen Leuten noch viel dreckiger geht, aber so lustig ist es nun auch wieder nicht, denn auch einige der Spieler waren am Anfang auf der Akutstation.

Spielsucht ist eine harte Sucht; der Hamburger Psychiater Bert Kellermann nennt es eine „Sucht in Reinform”, weil die Symptome nicht durch Substanzen von außen verfälscht werden, sondern man lupenrein beobachten kann, was da in der Psyche abläuft. Mit 110.000 bis 180.000 „beratungs- und behandlungsbedürftigen Spielern” in Deutschland rechnet die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren, wobei das eher vorsichtig geschätzt ist, weil Spieler nicht torkeln und lallen und im Rinnstein liegen und deshalb ihre Sucht länger verbergen können als Alkoholiker. Vor kurzem haben Wissenschaftler der Hamburger Uniklinik nachgewiesen, dass der Spielsucht eine Veränderung des Belohnungssystems im Gehirn zugrunde liegt, ähnlich wie bei Kokain. Und es ist wohl die teuerste aller Süchte, weil das Geld selbst zum Stoff wird.

Die Männer hier in der Klinik haben den Gegenwert eines Reihenhauses in blinkende und dudelnde Kisten geworfen oder ihr Konto per Lastschrift vom Internetcasino leerräumen lassen, und alle haben sie sich zu Weltmeistern im Tricksen und Lügen gemausert, weil eine unsichtbare Hand sie immer wieder in die Spielhalle oder ins Casino zog und sie dringend ihren Stoff brauchten, das Geld, das nur noch Spielgeld war. „Wir machen hier schon wieder einen auf Helden mit diesen ganzen Geschichten”, sagt Marco, 34, „dabei sind wir die größten Arschlöcher. Wenn man sich mal anguckt, was wir unseren Familien angetan haben.” Ehe er sich auf die Akutstation einliefern ließ, hatte er sich einen Teil des Konfirmationsgeldes vom Sohn seiner Freundin abgezweigt, weil der Spieldruck stärker war als das Gewissen.

Sucht hat ja viel mit Suchen zu tun, heißt es, und Oliver ist mittlerweile dahinter gekommen, dass er womöglich sein Leben lang auf der Suche nach einem Mutterersatz gewesen ist und dass dabei die Mädels, die im Spielsalon lächeln und Kaffee servieren und zu einem rüberschauen, wenn unten die Münzen rausscheppern, eine nicht unwesentliche Rolle spielten.

Mit drei Jahren kam er zu seinen Großeltern; der Vater zog in eine andere Stadt, und die Mutter verschwand nach Amerika. Wenn er an seine Oma denkt, dann denkt er an den blauen Teppichklopfer, mit dem sie ihn immer verprügelte; der Opa war netter, mit dem spielte er Mau-Mau um Zehnpfennigstücke, und wenn er was gewonnen hatte, war er der King und tanzte wie ein Besessener durch die Küche.

Nach dem Disco-Abend ging er wieder spielen, diesmal allein; die Brünette trug wieder ein bauchfreies Top und brachte ihm Kaffee und lächelte, und er dachte an den Abend, wo er der große Gewinner war. Es musste doch wieder klappen; wenn nicht dieses Mal, dann beim nächsten Mal. „Ich glaubte, ich könnte das Spiel mit der Stoptaste und der Risikotaste steuern. Aber das ist eine große Illusion. Da drin läuft ja ein Programm ab.”

Man könnte es sich leicht machen und alles auf Olivers Suche nach dem Mutterersatz schieben, aber Psychologen wissen, dass solche Vorgeschichten allenfalls der Boden sind, auf dem eine Sucht gedeiht; die Saat kommt von außen. Ohne Suchtmittel keine Sucht, ohne Spielautomaten keine süchtigen Automatenspieler.

Ein Einkaufszentrum in einer deutschen Großstadt. Gleich hinter dem Haupteingang tut sich links ein Tunnel aus Lichtpunkten auf, eine bunte Leuchtschrift verheißt 521.793 Euro im Jackpot. Der Eintritt in diese Dependance der staatlichen Spielbank kostet einen symbolischen Euro; man wird begrüßt von einem jungen Mann in gestreifter Weste und Fliege.

Ist er der Croupier?
„Neinnein, wir sind von Haus aus Automatentechniker. Was im traditionellen Casino der Croupier macht, wird bei uns maschinell erledigt.” Die Luft ist voller Rauch und Geblinke und Gedudel, kaum jemand spricht. Der Roulettekessel dreht sich unter einer Glasglocke, die Kugel wird per Druckluft ins Spiel geschossen. Jeder Spieler hat einen Einzelplatz mit Touchscreen, daneben einen Geldschein-Einzug, wie am Fahrkartenautomaten. „Das empfinden unsere Kunden als vorteilhaft, da gibt es kein Gedrängel und keinen Streit um die Jetons. Und durch die Geldschein-Einzüge haben wir die Störanfälligkeit drastisch reduziert. Früher blieben oft Münzen klemmen, oder die Leute haben so viele reingeknallt, dass der Münzschacht überlief.”

Ringsherum stehen überall Maschinen, die aussehen, als hätte man die klassischen Daddelkisten in eine Tuningwerkstatt geschickt. Auf den Bildschirmen rotieren Walzen im Dreisekundentakt, mit Walrossen, Eisbären mit Sonnenbrillen oder Fliegenpilzen darauf. Bleiben sie in der richtigen Konstellation stehen, hat man gewonnen, ansonsten ist ein Fünf-Euro-Schein bei vollem Einsatz nach sechs Sekunden weg. Der Geldschlitz, der mit blinkenden Dreiecken Nachschub fordert, nimmt auch Fünfhundert-Euro-Noten. „Hier sehen Sie noch die alten Münzschlitze, die haben wir mit Blenden zugemacht. Der Rest erklärt sich eigentlich von selbst. Wenn ich ein Gerät kann, kann ich alle. Das ist ja das Schöne am Glücksspiel: Man kann nichts falsch machen. Außer mit zu wenig Einsatz spielen.“

Ein junger Mann mit Zopf und Trainingshose streicht mit den Fingern über den Bildschirm vor sich, als wollte er ihn hypnotisieren. Nach ein paar Fünfzigern Einsatz fangen dann tatsächlich unten die Münzen an herauszuscheppern, bis die Auffangschale überquillt; die Gewinne werden nach wie vor in Münzen ausgezahlt, das macht so ein schönes, betörendes Spektakel, und alle gucken. Der junge Mann marschiert zum Wechselschalter; in seiner Miene ist keine Spur von Freude.

„Wissen Sie, das macht doch den Reiz der Automaten aus”, sagt der Mann mit der Weste, „innerhalb einer Sekunde kann ich aus sehr wenig sehr viel machen. Neulich hat einer den Hyperlink-Jackpot geknackt, vierunddreißigtausend Euro; an dem Abend haben wir jemanden sehr glücklich gemacht. Und dann hat er einfach zweitausend Euro davon genommen, in Hundertern, und ist damit durch den Laden gerannt und hat das an die anderen verteilt. Man ist hier wie eine große Familie, man hilft sich.”

Auf einem Barhocker kauert ein Mann mit fettigen Haaren und Lederjacke und starrt auf den Multi Screen Gaminator. Die Start-Taste für vollen Einsatz hat er mit einer Telefonkarte festgeklemmt; im Dreisekundentakt bleiben die Walzen stehen und drehen sich weiter, und sein Guthaben schrumpft jedesmal um einen Euro achtzig. „Das’ doch nich’ normal”, murmelt er, steht auf und stapft rauchend durch den Saal, während die Telefonkarte das Spiel am Laufen hält. I like your style, schreibt ihm der Automat. Als noch 17,70 Euro übrig sind, zieht er ein Bündel Scheine aus seiner Hemdtasche und schiebt einen Fünfziger nach.

Roulette und Schlipszwang kommen immer mehr aus der Mode, mit Automaten machen die staatlichen Spielbanken heute mehr als dreimal soviel Umsatz; dem Staat bescheren die Steuern und Abgaben aus Glücksspiel mehr Einnahmen als aus den Alkoholsteuern: über vier Milliarden Euro im Jahr. „Der Staat hat ein Glücksspielmonopol, um Spieler vor den Gefahren der Spielleidenschaft zu schützen”, sagt der Bremer Psychologe und Suchtforscher Gerhard Meyer. „Leider hat er statt dessen das Glücksspiel als lukrative Einnahmequelle entdeckt.”

Von den Spielern, die eine Beratungsstelle aufsuchen, sind mehr als die Hälfte beschaffungskriminell geworden. Für die Hamburger Psychologin Gisela Alberti ist die logische Schlussfolgerung: „Der Staat saniert sich mit Diebesgut. Spielbanken sind staatlich kontrollierte Geldwaschanlagen.”

Auf der Internetseite der Spielbank Hamburg heißt es: „Für die Psychologen sind Spielen und Mensch-Werden zwei Seiten einer Medaille. Der Mensch hat einen ganz natürlichen Spieltrieb.” Für Marketing dieser Art ist es ein Glücksfall, dass im Deutschen zwei grundverschiedene Dinge wie kindliches Spielen und das Spielen um Geld mit dem gleichen Wort benannt sind. Im Englischen heißt das eine „to play”, das andere „to gamble”. Da kann man solche Werbung nicht machen.

Oliver spielte irgendwann an drei, vier Automaten gleichzeitig, und weil die Schulden immer größer wurden, wuchs auch der Druck zu spielen, um das Geld wieder reinzuholen. Er lernte Maler und Lackierer und ging auf Montage, um in Discountmärkten die Decken mit Gipskartonplatten zu verkleiden, und dabei träumte er, dass er sich mal ein Haus bauen würde, das anders ist als die anderen; mit Swimmingpool und mit Boxen, die in der Wand versenkt werden, und einem Beamer, der automatisch aus der Decke herausfährt, und da würde er dann mit seiner Traumfrau einziehen. Oft, wenn er auf der Straße ein schönes Mädchen sah, dachte er, vielleicht könnte es ja mit der klappen, aber nie traute er sich, eine anzusprechen. Donnerstagnachmittags fing er an hippelig zu werden, und am Freitag, wenn er zurück in die Heimat fuhr, ging er von der Arbeit direkt zur Bank und dann in die Spielhalle. Manchmal, wenn unten Münzen rausschepperten, sah er, wie ein Mädchen herüberschaute, und im nächsten Moment erkannte er: Ach, schon wieder eine, die mit ihrem Macker da ist.

Zum Glück gab es Oma und Opa, wo er zum Essen hingehen konnte, wenn lange vor Zahltag das Gehalt alle war, und wenn die Oma ihn fragte, was er denn mit seinem Geld schon wieder gemacht habe, dann erzählte er, dass schon wieder was mit dem Auto sei, Versicherung, Reparaturen, all diese schrecklichen Kosten. Das Auto war sein Joker, wenn es ums Lügen ging. Irgendwann sagte die Oma ihm ins Gesicht, Junge, du spielst doch, und er sagte, Oma, du spinnst, und dann ging er spielen, weil er das Genörgel nicht ertrug.

Einmal spielte er 36 Stunden am Stück und ging mit 4000 Euro nach Hause, und in der Nacht klingelten und blinkten die Automaten in seinem Kopf weiter, und als er aufwachte, war er schweißgebadet. Von dem Gewinn die Schulden zu tilgen, daran dachte er im Traum nicht; er ging weiterspielen. „Das Geld brennt in der Tasche”, sagt Oliver. Als er die letzten 150 Euro von den 4000 anbrach, dachte er sich: Was bist du nur für ein Idiot.

Die Bank kündigte ihm das Girokonto, weil er aufgehört hatte, die Tilgungsraten für seinen Kredit zu zahlen, da musste er auf einen Schlag 2500 Euro Dispo ausgleichen und geriet ein bisschen in Panik, und dann ging er in die Spielhalle, weil ja irgendwie Geld reinkommen musste. Er hörte auf, Miete zu zahlen, und flog nach der dritten Ausrede aus der Wohnung, und er ging nach Berlin und zog in die Wohnung von einem Freund seines Vaters. Dort zahlte er auch nicht, und nachdem er dann auch noch 1600 Euro Nachzahlung vom Arbeitsamt verspielt hatte, beichtete er seinem Vater alles, und dann kam er endlich hierher nach Nordfriesland.

Automaten gelten unter Suchtforschern als die gefährlichste Form von Glücksspiel, weil die Spiele so schnell aufeinander folgen, dass keine Zeit bleibt, sich den Verlust überhaupt bewusst zu machen. „In dem Moment, wo ich das Geld einsetze”, erklärt der Psychologe Gerhard Meyer, „habe ich die Hoffnung auf einen Gewinn, verbunden, mehr oder minder bewusst, mit der Angst vor dem Verlust. Es ist eine Art Nervenkitzel, der anregend erlebt wird, völlig unabhängig vom Spielausgang. Gewinne ich, erlebe ich Euphorie, Selbstbestätigung, Machtgefühle. Verliere ich, spüre ich Enttäuschung, Misstimmung. Und diese negativen Gefühle kann ich sofort wieder in eine positive Richtung lenken, indem ich erneut Geld einsetze.” An die Stelle der Hoffnung auf einen schönen Gewinn tritt mit der Zeit die Hoffnung, die Schulden wieder reinzuholen, und später ist es dann nur noch Flucht aus der Realität, und das Geld ist nur noch Spielgeld. In Bredstedt müssen die Patienten lernen, mit 40 Euro Taschengeld in der Woche auszukommen.

Neben den Daddel- und Spielbankautomaten ist es der Boom auf dem Sportwettenmarkt, den Gerhard Meyer gefährlich findet. Ein Online-Anbieter wirbt damit, dass man auf mehr als 4000 Sportereignisse täglich setzen kann, die mögliche Spielabfolge wird damit ähnlich schnell wie im Automatencasino; die Suchtgefahr ähnlich groß. Ende März hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass der Staat sein Sprotwettenmonopol entweder zur „Bekämpfung der Wettsucht“ nutzen muss – oder den Markt für private Anbieter öffnen. Analysten der Landesbank Rheinland-Pfalz hören schon den „Startschuss für die längst überfällige Aufholjagd“ im deutsche Sportwettenmarkt knallen.

Gegenüber von Oliver sitzt Lars, 25, den sie hier „Sunnyboy” nennen; er sagt, er sei sehr behütet aufgewachsen, und während er von der Sache mit den Sportwetten erzählt, schaut er immer wieder wie einer, der nicht fassen kann, dass es ihn in seinem Leben an einen Ort wie diesen verschlagen würde. Er ist Berufssoldat; bei ihm fing es damit an, dass er keine Lust hatte, sich Abend für Abend zu besaufen. An einem dieser zähen Abende in der Kaserne surfte er mit einem Kumpel auf eine Sportwetten- und Casino-Seite im Internet, nur so aus Neugier. Sie spielten „for fun” und gewannen am laufenden Band, und wenn das so ist, dachten sie sich, dann kann man auch auf „for real” klicken und um echtes Geld spielen.

Erst setzte er Beträge wie 50 Euro und gewann auch mal 200 oder 300, und bald verzehnfachten sich die Einsätze; es lief ja alles ohne echtes Geld in den Händen, klinisch rein per Lastschrift; und nach vier, fünf Monaten spielte er, um seine Schulden wegzumachen. Eines Abends hatte er seinen Verfügungsrahmen ausgeschöpft und spielte mit dem Passwort seines Kollegen weiter, und dann hatte er 5000 Euro Schulden bei ihm, und der Kollege kam dann mit einem Kontoauszug und der Vertrauensperson zu ihm ins Zimmer. Er versprach, alles zurückzuzahlen, und spielte weiter Online-Roulette, um das Geld reinzuholen; dann fing er an, zu Banken zu gehen und Märchen zu erzählen, um Kredite zu bekommen, und vor sechs Wochen war er wieder auf dem Konto seines Kollegen und hat 2500 Euro von ihm beim Roulette verspielt und danach auf die Uhr geguckt und gesehen, dass ihm das in rekordverdächtigen dreißig Minuten gelungen war. Junge, das ist doch total krank, dachte er da, und es war, als würde er sich selbst von hinten beobachten, wie er da sitzt und in Schweiß badet, weil er zum zweiten Mal dieselbe Straftat begangen hat.

Oliver, der Automatenspieler, wird in vier Wochen hier rauskommen. Er hat Kontakt mit seiner Mutter aufgenommen und mit der Schuldnerberatung gesprochen, und als er neulich draußen an einer Spielhalle vorbeiging, dachte er: Ihr Arschlöcher, mich kriegt ihr nicht mehr. Im Internet hat er ein Mädchen kennengelernt; sie hat ihm Fotos von sich geschickt, eine hübsche Blonde, auf einem der Fotos trägt sie Bikini und Turnhöschen. In einer der letzten Mails hat sie gefragt, was er denn da überhaupt mache, in Nordfriesland, und da hat er gedacht, jetzt ist mal wieder alles vorbei, und hat gar nicht mehr geantwortet, und als sie nachfragte, hat er sich ein Herz gefasst und ihr geschrieben, dass er süchtiger Spieler ist, und sie hat zurückgeschrieben, das sei doch nicht so schlimm. Sie haben sich für heute Abend zum Telefonieren verabredet, zum ersten Mal. Oliver schluckt und deutet mit der Hand an seinem Hals an, wie es da pocht vor Aufregung.

Wenn alles gut geht und er trocken bleibt, dann wird er seine Schulden in ein paar Jahren im Griff haben und etwas Kaufmännisches lernen und Konflikte nie wieder so nach innen losgehen lassen, wie er es all die Jahre getan hat.

Und sein Traum von der großen Liebe und von einem Haus, das anders ist als die anderen, hat ihn überlebt, diesen inneren Krieg, aus dem nie wieder ein Frieden werden wird, sondern nur ein Waffenstillstand, wie bei allen Süchtigen, die trocken sind. „Ich darf gar nicht drüber nachdenken, was ich mit der vielen Zeit und dem vielen Geld alles hätte machen können”, sagt Oliver und schaut auf das Foto von dem Mädchen im Bikini, mit dem er nachher telefonieren wird. „Von meinem Haus mit dem Beamer in der Decke könnte ein ganzer Teil schon stehen.”