Die Milch-Macht

> Tobias Zick

Nido, September 2010
Stillen, das Natürlichste der Welt? Nicht in Indonesien. Hier kämpfen internationale Babynahrungs-Konzerne mit allen Mitteln um Marktanteile.

Zulfas Stirn ist mit kleinen roten Flecken übersät, die dürren Ärmchen hängen schlaff herab, die Augen treten seltsam groß hervor; nur viereinhalb Kilo wiegt das Baby, und das mit gut acht Monaten. Ein klassischer Fall von Unterernährung.

Nach der Geburt war Zulfa von den Schwestern im Krankenhaus mit Pulvernahrung gefüttert worden, ihre Mutter bekam eine Dose mit nach Hause und mühte sich fortan, das Geld für das Milchpulver zusam-menzukratzen; der Vater arbeitet als Näher, der Löwenanteil seines Gehalts ging für Babynahrung drauf, manchmal mussten die Eltern sie stärker mit Wasser verdünnen als auf der Packung beschrieben.

Die Mutter versuchte, Zulfa die Brust zu geben, doch es kam keine Milch. Immer öfter litt die Kleine an Durchfall, Erbrechen, Atemwegserkrankungen, ihre Eltern befürchteten das Schlimmste, schließlich empfahl eine Nachbarin der Mutter: Geh ins islamische Krankenhaus Layanan Kesehatan Cuma-Cuma, frag nach Doktor Asti, die kennt sich aus mit derartigen Fällen.

Asti Pramborini beschloss, die Frau erst einmal drei Wochen stationär aufzunehmen und ihre verstopften Brustdrüsen zu behandeln; bis sie wieder in der Lage war, Milch zu geben, zu stillen. Seitdem geht es mit Zulfa aufwärts, der Durchfall ist abgeklungen, sie legt an Gewicht zu. „Oft lässt sich die Ursache der Mangelernährung nicht so eindeutig zuordnen“, erklärt die Ärztin, „aber in diesem Fall ist die Lage klar: das Mädchen ist ein Opfer der Fläschchen-Fütterung.“

Jedes Jahr sterben in Indonesien etwa dreißigtausend Kinder, weil sie in den ersten sechs Monaten nicht ausschließlich gestillt werden – schätzt Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Etwa 45 Prozent der indonesischen Familien haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Babynahrung, mit verkeimtem Wasser angemischt, ergibt ein potenziell tödliches Gebräu. Die Liste der Gesundheitsrisiken ist lang: Unterernährung, Durchfälle, Atemwegsinfekte, Allergien, Blutarmut. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher weltweit, Babys in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen – und dann weiter bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr, unter schrittweiser Zugabe fester Nahrung.

In Indonesien, wie in vielen anderen Ländern der Erde, ist das nur Theorie. Nur 32 Prozent der unter sechs Monate alten Säuglinge bekommen ausschließlich Muttermilch – Tendenz sinkend: Zwischen 2002 und 2007 ist die Rate laut Unicef sogar unter den Säuglingen bis zwei Monate stark gefallen, von 64 auf 48,3 Prozent. Parallel dazu wuchs die Rate derer, die mit Milchpulver-Nahrung gefüttert wurden.

Woran liegt das? Laut Unicef „nicht zuletzt am aggressiven Marketing der Hersteller.“ Doktor Asti ist eine Frau mit Kopftuch, Lippenstift und geduldiger Stimme. Sie sagt: „Solche Fälle sehe ich fast täglich. Und es gibt viele, die nicht überleben. Ich kann aus Erfahrung sagen: Fläschchennahrung kann töten.“

Seit dreißig Jahren führt sie einen Kampf gegen die Desinformation. Sie arbeitet in verschiedenen Krankenhäusern, und fast überall, wo sie zum ersten Mal hinkommt, sind Gänge und Säle voller Werbebotschaften. Neugeborene werden in „Baby Rooms“ verwahrt und mit Pulvernahrung gefüttert – jeweils von dem Hersteller, der mit dem Krankenhaus „kooperiert“, sprich: Hebammen und Ärzte bezahlt.

Kaum ein Tag, an dem Asti Pramborini nicht Patientinnen vor sich hat, die sagen: „In der Fernsehwerbung heißt es doch, Pulvernahrung macht mein Baby gesund, proper und intelligent.“ – „Die Hebamme hat mir erzählt, meine Muttermilch würde nicht ausreichen, um mein Baby satt zu machen.“

Sie holt ein Beutelchen hervor, nimmt eine kleine Glasmurmel heraus, ihr Anschauungsmaterial für solche Fälle. Sie hält die Murmel zwischen Daumen und Zeigefinger: So groß ist der Babymagen nach der Geburt – und da will man Ihnen erzählen, Ihre Muttermilch sei nicht ausreichend, ihn zu füllen? Eine größere Murmel: der Magen nach drei Tagen. Ein Tischtennisball: nach einer Woche.

„Natürlich hat Pulvernahrung ihren Sinn“, sagt Asti Pramborini, „bei medizinischen Ausnahmefällen wie Frühgeburten etwa. Aber auf keinen Fall als Massenprodukt.“

Ein Carrefour-Supermarkt in Jakarta. Zwei Gänge mit meterhohen Regalen füllt das quietschbunte Sortiment an Babynahrung aus; die Salesgirls europäischer und amerikanischer Hersteller lächeln um die Wette: Nestlé, Frisian Flag, Numico, Wyeth, Abbott. „Nourish your beloved baby“ – „Ernähren Sie Ihr geliebtes Kind“ – steht auf einer Dose für null bis sechs Monate alte Babies, „Ernähren Sie Ihr Kind in der Abstill-Phase“ auf jener für sechs bis zwölf Monate. Ein Produkt für Babys von null bis zwölf Monaten verspricht: „Infant Formula for Brain and Body Development“ – „Mit der Kleinkind-Formel für die Entwicklung von Gehirn und Körper“. Auf der Dose prangen die Buchstaben „IQ“. Das Folgeprodukt verheißt: „Erzielen Sie Schul-Fortschritte.“ Neuerdings gibt es auch Milchpulver-Nahrung für werdende Mütter, stillende Mütter, für Frauen, die Kopftuch tragen – mit Vitamin-D-Zusatz, um den vermeintlichen Mangel an Sonneneinstrahlung auszugleichen.

Indonesische Zeitschriften sind gut gebucht mit Werbung für Babynahrung, an Ausfallstraßen in Jakarta stehen haushohe Werbetafeln, auf den Säuglingsstationen von Krankenhäusern sieht man Werbelogos an Wänden, ebenso auf Patienten-Karteikarten an den Kopfenden der Baby-Bettchen.

Doch was sich im Verborgenen abspielt, ist noch weitaus verkaufswirksamer. In einem Coffeeshop in einer der vielen Shoppingmalls von Jakarta sitzt die Hebamme Ibu Magdalena und blickt auf ihre zwanzigjährige Berufslaufbahn zurück. Sie hat viele Traumstrände Asiens gesehen: in Thailand, auf Bali, auch in Japan war sie – obwohl Hebammen traditionell nicht zu den Besserverdienenden in Indonesien gehören.Wie hat sie das gemacht?

Sie habe über Jahre die Verkaufsziele erfüllt oder übertroffen, die Babynahrungs-Hersteller ihr gesetzt hätten, erklärt sie. Für einen Jahresschnitt von zwanzig Paketen pro Monat habe es eine Fortbildung mit viertägiger Strandreise gegeben. In einem Fall, erinnert sie sich, seien vier Flugzeuge voller Hebammen auf Einladung der Firma Numico nach Bali geflogen.

Wer besonders verkaufstüchtig gewesen sei, habe auf Firmenkosten nach Mekka pilgern können. Manchmal habe es auch Bargeld, Klimaanlagen oder Kühlschränke für den Arbeitsplatz oder zu Hause gegeben. Etliche Hundert Neugeborene hat Ibu Magdalena mit Pulvernahrung gefüttert. „Ich schäme mich für das, was ich getan habe“, sagt sie. „Aber ich tat es aus Unwissenheit.“

Unterlagen, die NIDO vorliegen, bestätigen, dass die Geschichte von Ibu Magdalena kein Einzelfall ist. Numico gehört seit 2007 zum Weltkonzern Danone, der seinen Sitz in Paris hat. Die Bitte um Stellungnahme von NIDO leitete die Kommunikationsabteilung von Danone an Numico in Indonesien weiter. Der dortige Firmensprecher bestreitet per E-Mail nicht, dass es ein System von Anreiz und Belohnung für Hebammen gibt, verweist aber auf die Erfolge der Fortbildungsmaßnahmen für Geburtshelferinnen. 2010 werde Numico im Zuge seiner Ausbildungsmaßnahmen 30000 Hebammen mit Seminaren und Workshops erreichen. „Das Schöne ist, dass diese Fachkenntnisse dann von den Hebammen an Mütter weitergegeben werden.“ Und weiter: „Im Jahr 2010 haben wir mehr als 200 Projekte in ganz Indonesien. Wir beobachten die Wirkung der Projekte zur Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit.“

Um zu begreifen, wie gewaltig der Milchpulver-Markt ist, muss man weit zurückblicken – bis ins Jahr 1867. Der Frankfurter Apotheker Heinrich Nestle erfindet in der Schweiz das „Kindermehl“ – aus Not und Improvisation: Bis dato hat er versucht, sein Geld mit Limonaden und Flüssiggas zu verdienen, beide Geschäfte scheiterten. Das Kindermehl aber wird sein großer Durchbruch – auch wenn er sich laut Firmenchronik bescheiden gibt: „Meine Erfindung ist keine neue Entdeckung, sondern eine richtige und rationelle Anwendung von Substanzen, welche schon längst als die besten für die Ernährung von Kindern bekannt sind. Milch, Brot, Zucker bester Qualität sind die Hauptbestandteile.“

Das Kindermehl wird zum Treibstoff für die rasante Entwicklung der Fima Nestlé zum Weltkonzern. „Schon bald zeigte sich sein Talent zu marketingstrategischem Denken“, heißt es in der Firmenchronik über Heinrich Nestle: „Innerhalb von sieben Jahren verkaufte er 1,6 Millionen Dosen Kindermehl in 18 Ländern auf allen Kontinenten.“

Erste Kritik an der ebenso expansiven wie erfolgreichen Firmenpolitik von Nestlé wird im Jahr 1975 laut, als der Kurzfilm „Bottle Babies“ des deutschen Dokumentarfilmers Peter Krieg erscheint. Die Einstiegsszene des Films zeigt eine kenianische Mutter, die ihr schreiendes Baby 
ins Krankenhaus trägt, die Stimme des Arztes zählt die Symptome auf: Durchfall, Erbrechen, Herzrasen, Atem-Aussetzer. Das Kind droht, an Unterernährung zu sterben, nachdem die Mutter, anstatt es zu stil-
len, den allgegenwärtigen Werbebotschaften für Pulvernahrung gefolgt ist. Dann zeigt der Film Beispiele für das aggressive Marketing der Hersteller: Gratis-Warenproben in Krankenhäusern, Werbegeschenke an Ärzte und Hebammen, einen Radiospot mit dem Slogan: „White man’s powder that will make your baby grow and glow.“

Die Schweizer Aktionsgruppe Dritte Welt veröffentlicht einen Report mit dem Titel: „Nestlé tötet Babies.“ Der Konzern zieht gegen den Slogan vor Gericht, bekommt recht – doch die inhaltlichen Vorwürfe bleiben bestehen, weltweit beginnt eine jahrelange Boykott-Kampagne gegen Nestlé.

1981 erlässt die Weltgesundheitsorganisation WHO einen internationalen Kodex, der Marketing und Werbung für „Muttermilchersatzprodukte“ streng reglementiert: keine Werbung in der Öffentlichkeit, kein Missbrauch von Krankenhäusern und deren Personal für Marketingzwecke, keine irreführenden Botschaften auf Verpackungen.

Doch bis heute veröffentlicht das International Baby Food Action Network (IBFAN) regelmäßig Berichte über Verstöße gegen diesen Kodex, Kritiker sehen Parallelen zur Tabakindustrie: Studien würden 
torpediert, Gesetzes-Schlupflöcher genutzt. Noch 1999 erklärte der damalige stellvertretende Unicef-Vorsitzende Stephen Lewis:„Wer Behauptungen über Babynahrung aufstellt, die absichtlich das Vertrauen von Frauen in ihre Stillfähigkeit unterminieren, den muss man nicht als cleveren Unternehmer ansehen, der nur seine Arbeit tut, sondern als Menschenrechtsverletzer der übelsten Sorte.“

Auch Nestlé steht immer wieder im Fokus der Kritik von IBFAN – das Unternehmen veröffentlicht seinerseits regelmäßig ausführliche Berichte, in denen es sich mit den Vorwürfen auseinandersetzt. In vielen Fällen, so der Konzern, seien diese „gegenstandslos“; oft etwa bezögen sie sich auf Produkte, die für die Altersgruppe ab sechs Monaten vermarktet würden und damit nicht unter den WHO-Kodex fielen. Das Unternehmen bekennt sich auf seiner Website zu dem Regelwerk und erklärt: „Auch in Ländern, wo die nationale Gesetzgebung weniger streng ist als der WHO-Kodex, legen wir diesen freiwillig als Maßstab für unser Handeln an.“

Ohnehin ist der Pionier-Konzern Nestlé längst nicht mehr das einzige Unternehmen, das gerade in den Wachstumsmärkten Afrikas und Asiens um Marktanteile kämpft. In Indonesien heißt der Marktführer Numico.

Indonesien ist ein gigantischer Markt, etwa 240 Millionen Menschen leben im viertbevölkerungsreichsten Land der Erde. Laut Unterlagen, die NIDO vorliegen, will das Unternehmen Numico seine Marktabdeckung weiter „aggressiv“ ausbauen. Unter anderem solle die „Reichweite in Geburtshäusern und Krankenhäusern“ vergrößert werden. Im „Premium- und Standard-Segment“ konzentriere man sich vor allem auf Ärzte, im „Niedrigpreis-Segment“ auf Hebammen.

Laut der letzten Markt-Analyse von Unicef aus dem Jahr 2006 verstoßen alle Hersteller in Indonesien gegen den WHO-Kodex. Doch Indonesien ist nur ein herausragendes Beispiel für ein globales Problem. Besonders Krisengebiete sind offenbar beliebte Marketing-Schauplätze westlicher Konzerne – weil dort, was Gesetze und Kontrollen angeht, weitgehend Anarchie herrscht. In Afghanistan konnte eine europäische Firma damit im Fernsehen werben, ihr Milchpulver sei „von Geburt an exzellent für Ihr Baby“. Ein prominenter Schauspieler trat als Werbefigur auf.

Afghanistan hat mit 151 Todesfällen bei 1000 Geburten eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten weltweit.

Diba Jafar aus Jakarta ist eine junge Frau mit Kopftuch und boh-rendem Blick. Als sie schwanger war, informierte sie sich im Internet über die Ernährung von Säuglingen. Sie fand Empfehlungen von der WHO und Unicef zum ausschließlichen Stillen. Und stieß in ihrer Heimatstadt überall, wo auch immer sie hinkam, auf eine genau gegenteilige Praxis.

In dem Krankenhaus, in dem sie ihren Sohn Rafa gebar, wurden alle Neugeborenen umgehend in einen „Baby Room“ gebracht, zwei Stockwerke unter den Mütter-Zimmern, und von den Schwestern mit Fläschchennahrung gefüttert. Sie bestand darauf, ihren Sohn zu stillen, verbrachte manche Nächte auf einer Plastikliege im Babysaal, beklebte das Bettchen ihres Neugeborenen mit handbekritzelten Zetteln, auf denen stand: „Asi eksclusif“ – ausschließlich Muttermilch!

Ein paar Monate später saß Diba mit anderen befreundeten Müttern in einem Café, sie stellten fest, dass sie alle die gleichen Probleme gehabt hatten: keine Informationen übers Stillen, ein ständiger Kampf gegen die Schwestern, die darauf bestanden, ihr Kind solle im „Baby Room“ bleiben, und wenn sie es stillen wollten, dann bitte innerhalb der festgelegten Tageszeiten.

Sie gründeten ein Netzwerk, das Mütter in Sachen Stillen berät und unterstützt: AIMI – Gemeinschaft stillender Mütter in Indonesien.

Nach wenigen Wochen hatten sie bereits Hunderte von Anfragen verunsicherter Frauen, und da ahnten sie, dass in ihrem Land einiges grundlegend schiefläuft. Sie weiteten ihre Arbeit aus auf die Über-wachung der Marketing-Strategien von Konzernen und Rechtsberatung. „Erst wenn Mütter ihre Rechte kennen“, sagt Diba, „können sie auf ihre Rechte auch bestehen.“

Die Arbeit von AIMI macht Hoffnung – doch um die gängige Praxis im Riesenland Indonesien grundlegend zu verändern, wird sie nicht ge-nügen. Um Dinge zu verändern, braucht es oft einen großen Knall. Für die Hebamme Bidan Budi in der Kleinstadt Klaten, Zentral-Java, kam dieser Knall im Mai 2006. Die Erde bebte, der Vulkan Merapi spie Lava, sechstausend Menschen starben, über vierzigtausend wurden ver-
letzt. Unter den Spenden aus aller Welt war tonnenweise Milchpulver – es wurde wahllos im Chaos verteilt. Auch Mütter, die bislang gestillt hatten, gaben ihren Kindern Pulvernahrung. Etliche Säuglinge bekamen schweren Durchfall – das Wasser war nach dem Beben extrem verschmutzt.

Unicef startete ein Trainingsprogramm für Hebammen, Inhalt: Vorteile und Techniken des alleinigen Stillens. Hebamme Budi war misstrauisch: Was sie zwanzig Jahre lang praktiziert hatte, sollte plötzlich falsch sein? Dann war da dieser, wie sie sagt, „Moment der Erleuchtung“. Sie sah ein Neugeborenes, das an die Brust der Mutter gelegt wurde; nach weniger als einer halben Stunde begann es von selbst zur Brustwarze zu robben und zu saugen. Genau wie in der Theorie aus dem Seminar. „Wie ein Signal von Gott“, sagt sie. „In dem Moment begriff ich: Ich hatte zwanzig Jahre lang aus Unwissenheit die Gesundheit von Kindern aufs Spiel gesetzt.“

Die Behörden von Klaten haben ein regionales Gesetz erlassen, nach dem es als Straftat gilt, Mütter von ihrem Grundrecht aufs Stillen abzuhalten. Rony Rukmito, Chef der Gesundheitsbehörde, erzählt, daraufhin seien zwei Vertreter von Babynahrungs-Herstellern zu ihm gekommen und hätten gefragt: Wie viel Geld wollen Sie, damit Sie das Gesetz zurücknehmen? Nennen Sie irgendeine Summe, egal. „Ich habe ihnen gesagt“, berichtet der Beamte, „wir haben hier ein erfolgreiches Projekt für die Gesundheit unserer Kinder, zerstören Sie es nicht.“

Es gibt Anzeichen, dass die Gesetze von Klaten als Vorbild auf nationaler Ebene dienen könnten. Die indonesische Regierung hat ein Beratergremium zusammengerufen, um Vorschläge für eine stillfreundli-chere Gesetzgebung auszuarbeiten – auch Diba Jafar und ihre Kolleginnen von AIMI gehören dazu. Unicef arbeitet an einer Studie, die das klassische Lobby-Argument der Konzerne entkräften soll: dass die Babynahrungs-Industrie massenweise Arbeitsplätze schüfe. Nach den ersten Ergebnissen der Analyse ist der Nutzen für den indonesischen Arbeitsmarkt eher minimal – weil ein Großteil des Pulvers aus Übersee importiert und in Indonesien lediglich maschinell verpackt wird.

Zurzeit mehren sich Zeichen der Hoffnung: Die Gesundheitsministerin hat das Thema Babynahrung zu einer der beiden Hauptprioritäten für ihre Amtszeit gemacht – neben der Tabakindustrie.

Doch eine Gesundheitsministerin hat traditionell gegen konkurrierende Interessen zu kämpfen. Kürzlich verkündete Nestlé, seine Kapazitäten für die Milch-Verarbeitung in Indonesien zu verdoppeln. Gerade wurde die neue Fabrik in Jakarta eingeweiht. In erster Reihe, um feierlich das Band durchzuschneiden: der Wirtschaftsminister.