Erstes Kapitel aus "Heimatkunde - Zu Fuß und allein durch die Provinz"

» Tobias Zick

HERDER-VERLAG, August 2005


Die ersten Zweifel an meinem Verstand kamen mir, als ich mich auf die Böschung am stehenden Fluss niederließ, feuchtes Gras unter dem Hosenboden, und mit dem Schweizer Messer an den Möhren herumzuschnitzen begann, die ich gerade am Straßenrand gekauft hatte.

Eineinhalb Tage war es her, dass ich aus der Wohnung in der Stadt aufgebrochen war; ich hatte mich eine Ewigkeit gesträubt, ehe ich endlich die warme Decke zurückschlug, im Bauch so etwas wie Lampenfieber, und mich aus den Armen meiner Liebsten löste und ging. Eineinhalb Tage war das her, die Füße pochten von innen gegen die Stiefel, lass uns hier raus, riefen sie, und ich hatte noch nicht einmal Hamburg verlassen.

Ich war durchs Schanzenviertel gewandert, vorbei an der Bar mit den orientalischen Teppichen, in der ich am Abend vorher noch mit Freunden Tee getrunken hatte; erntete misstrauische Blicke mit meinem karierten Hemd und den Wanderstiefeln, und kurz hinter dem Hauptbahnhof begann der lange Weg durch Hamburgs Osten, auf dem Euopäischen Fernwanderweg Nordkap-Sizilien entlang; ein Reiseführer empfahl, man möge das Teilstück durch die Hochhausschluchten getrost mit der U-Bahn zurücklegen. Unterwegs sprach mich ein Mütterchen an, der Wind zerrte ihr am Kopftuch, „bitte, wo ist U-Bahn“, fragte sie, und ich bot ihr den Unterarm, um sich einzuhaken; „Bein tut weh“, erklärte sie, ihre Füße humpelten in dick gewickelten Verbänden; sie war achtzig Jahre alt und kam gerade aus der afghanischen Moschee, wo sie von einem Verwandten Abschied genommen hatte, und dann war die Familie mit den drei Autos einfach davongefahren und hatte sie vergessen.

Sie erzählte von ihrer Heimat, vom Haus in Kabul mit den Weintrauben im Garten, das die Taliban in Schutt und Asche gelegt hatten, von ihren drei toten Brüdern und von der Sonne, die ihr fehlte, „aber Deutschland lieb“, sagte sie und tätschelte mir den Unterarm, und als sie sich in den U-Bahn-Wagen gehievt hatte, drehte sie sich noch einmal um fragte: „Du Heirat?“ Ich schüttelte den Kopf und lächelte. „Heirat nix gut“, sagte sie und lächelte zurück, dann schloss sich mit einem Klacken die Tür zwischen uns.

Nun saß ich da im feuchten Gras, es war eine andere Welt, die Vierlande im Südosten Hamburgs, man sah den ganzen Himmel mit seinen Launen und Schauspielereien in Blau und Weiß, nicht nur Ausschnitte zwischen Häuserfassaden und Plakatwänden; hier waren grüne Felder und reetgedeckte Häuschen und Stiefmütterchen, und an den Straßenrändern tauchten immer wieder Holztischchen und Schubkarren auf, bunt bestückt mit Apfelmusgläschen und Tomaten, Karotten und Zierkürbissen, daneben eine kleine Geldkassette und sonst nichts.

Der Wind wehte mir durchs Haar, als wollte er sagen: Junge, überleg dir das Ganze gut, bald ist der Herbst da, wie weit ist es eigentlich bis Eschborn? Fünfhundert Kilometer, wenn man die Straße nimmt. Es war Mitte September geworden, ehe ich mich vom Schreibtisch hatte losreißen können, alle Aufträge abgearbeitet hatte, und mir eineinhalb Monate Auszeit nehmen konnte und allen sagte: Ich gehe zurück nach Hause.

Man muss sich ja ständig rechtfertigen, dachte ich, wenn man für den Ort, wo man zum ersten Mal ohne Stützräder Fahrrad gefahren ist und wo die Menschen einen vertrauten Dialekt sprechen; wenn man für diesen Ort mehr wohliges Bauchkribbeln hegt als für die Stadt, in der es Arbeit und Milchkaffee gibt und Clubs, über die in Zeitschriften berichtet wird. Solche Diskussionen bringen einen immer wieder in Erklärungsnot, weil dieses vage Bauchkribbeln sich jedesmal im letzten Moment herauswindet, wenn man gerade kurz davor stand, es erklären zu können. Ich hatte es deshalb für eine gute Idee gehalten, mich der Sache zu Fuß zu nähern.

Wir waren nach Hamburg gezogen, als ich klein war, gerade eingeschult, weil mein Vater neue Arbeit gefunden hatte im Norden; ich hatte nie den Abschied von Ralph vergessen, meinem besten Freund, wir hatten noch am Westerbach gespielt mit den anderen, waren noch ein letztes Mal Eis essen gegangen wie immer, und dann hatten wir uns heulend in den Armen gelegen, und meine Eltern standen schon draußen mit dem Auto voll gepackter Sachen.

Ich nahm eine zweite Mohrrübe aus dem Beutelchen; was Ralph wohl jetzt macht, dachte ich, wir hatten vor elf Jahren zum letzten Mal voneinander gehört, mit sechzehn; die ersten Jahre nach dem Umzug war ich in den Ferien noch jedes Mal mit dem Intercity zurückgefahren, um ihn und die anderen zu sehen in Eschborn, und es war jedes Mal eine Reise nach Hause gewesen, aber irgendwann hatten wir beide anderes zu tun im Leben und uns nicht mehr beim anderen gemeldet.

Ich hatte nicht versucht, ihn zu finden, über das Internet oder über irgendwelche anderen Leute, wahrscheinlich aus einer diffusen Angst heraus, mir diesen kleinen Mythos zu zerstören; diese Ahnung, dass jenes wohlige Gefühl, von dem ich ahnte, dass es etwas mit Heimat zu tun habe, sich in Luft auflösen könnte und ich dann im Moment am Telefon zu weit weg wäre, um irgendetwas dagegen zu tun.

Und nun saß ich da und kaute süße Mohrrüben und nahm noch eine davon aus dem Beutelchen, setzte das Schweizer Messer an, und es glitt mir tief in den Zeigefinger, und die neue Wanderhose bekam, am zweiten Tag der Reise, einen dicken Fleck, einen Blutfleck.

Anfänger.