Das schwarze Gift

> Tobias Zick

Neon, Mai 2007
Unermessliche Erdölvorkommen könnten Nigeria zu einem reichen Land machen. Doch seit der begehrte Rohstoff gefördert wird, ist die Bevölkerung noch viel ärmer geworden, und die Natur leidet. Der Zorn der jungen Männer wächst.

»Einem Volk seine Ressourcen nehmen und ihm nichts dafür geben: Das ist Sklaverei.«
Ken Saro-Wiwa, Schriftsteller und Menschenrechtler aus dem Nigerdelta, hingerichtet am 10. November 1995


Die Jungs haben sich am Ufer dieses Tümpels versammelt, der seit zwei Tagen auf einem Feld ihres Dorfes steht und schwarz in der Sonne glänzt; er dünstet einen süßlich-beißenden Geruch aus, nach ein paar Atemzügen beginnt es im Hals zu kratzen.

Es ist ein Tümpel voll »light sweet crude«; schwefelarm, leicht zu raffinieren, die begehrteste Spezialität Westafrikas auf dem Weltmarkt. Es ist ein Tümpel aus Erdöl, dem »Exkrement des Teufels«, wie manche es nennen.

Der Tümpel in diesem nigerianischen Dorf namens Ikarama verströmt eine Ahnung, was damit gemeint sein könnte.

Einer der jungen Männer tritt einen Schritt aus der Masse hervor, er heißt Rankin und ist 34, trägt einen Blaumann und eine graue Schirmmütze; das Hündchen an seiner Leine schnüffelt an einer Blume, die sich einsam aus dem öligen Schlamm reckt. »Unsere Geduld ist am Ende«, sagt er mit leiser, gepresster Stimme. »Shell soll binnen drei Monaten hierherkommen und mit uns sprechen. Sonst treten wir in Aktion.« Das Dorf Ikarama liegt im Mündungsdelta des Niger, einem feuchtheißen Labyrinth aus Flussarmen, Mangrovendschungel, Pipelines und gestauter Wut. Es ist eine der ölreichsten Regionen der Welt und das Kraftzentrum der nigerianischen Volkswirtschaft; eine Region, die in den Gedankenspielen US-amerikanischer Militärstrategen das Prädikat »sehr, sehr wichtig« trägt. Es ist eine Region, deren Menschen immer tiefer in Armut und Verbitterung versinken.

Rankins Hündchen läuft schnüffelnd im Zickzack, schlingt ihm die Leine um die Füße. »Wir besetzen ihre Anlagen und drehen ihnen das Öl ab«, sagt er, und die anderen nicken, »dann sollen sie von mir aus kommen und uns alle umbringen. Aber leicht werden sie es nicht haben.«

»The boys are angry« ist ein Satz, den man überall im Nigerdelta hört. Die Jungs von Ikarama haben es satt, dass aus der Erde unter ihren Füßen jeden Tag tonnenweise »light sweet crude« weggepumpt wird und bei ihnen nicht ein Cent, eine Medikamentenschachtel, ein Arbeitsplatz dafür ankommt. Sie haben es satt, dass sie die Schätze ihrer Erde nur dann zu Gesicht bekommen, wenn alle paar Monate eine Pipeline leckt und ihre Felder und ihre Fischgründe verseucht; dass die Leute von der Ölfirma und der Regierung dann jedes Mal in Begleitung von Soldaten kommen, die mit Pferdepeitschen die Dorfbewohner auf Distanz halten, während nach der Ursache des Lecks geforscht wird. Als Ergebnis heißt es dann immer, die Dorfbewohner hätten die Pipeline sabotiert, um Öl zu stehlen. Manchmal verströmt der Tümpel drei, vier Wochen lang giftige Dämpfe, ehe jemand kommt, um das Öl in einen Tankwagen zu pumpen und den restlichen Bodensatz schlicht abzufackeln. »Sie verseuchen unser Land und beschimpfen uns dann noch als Saboteure«, sagt Rankin. »Guckt euch das hier an, die Pipeline verläuft drei Meter unter der Erde. Sehen wir aus, als könnten wir uns irgendwelche Spezialwerkzeuge leisten, um die unterirdisch anzubohren? Das Ding ist schlichtweg verrostet.«

Laut Bericht von Shell ist die Pipeline mit einer Säge beschädigt worden; schon im Jahr 2006 habe »Ikarama an erster Stelle unter den Ölsaboteurs- Gemeinden im Nigerdelta« gestanden. Die Jungs in Ikarama sind nicht allein mit ihrer Wut. Im ganzen Nigerdelta brodelt der Zorn auf die Ölkonzerne und auf korrupte Politiker und Beamte, die ihre Ressourcen plündern und ihr Land in Armut und Dreck versinken lassen. Wegen dieser Wut macht sich die westliche Welt zunehmend Sorgen. Sie könnte bald einen Bürgerkrieg entfesseln und den Weltmarktpreis für Öl noch weiter in die Höhe treiben. Und darauf würde die westliche Welt sehr empfindlich reagieren. Die westliche Welt ist süchtig nach billigem Öl.

Ein Motorboot tost durch die Creeks, die verästelten Flussarme und Kanälchen des Nigerdeltas, darin sitzt Nengi James, 38; er gilt als einer der »Youth Leader« der Region, war Präsident der Jugendorganisation »Ijaw Youth Council« und kandidiert jetzt für die Regionalwahlen. Am Ufer zieht ein Dorf aus Holzverschlägen vorüber, kurz darauf die grauen Dächer einer Ölpumpstation, davor die Hausboote, auf denen die Wachleute und Soldaten wohnen. »Die Öl-Leute haben alles«, brüllt Nengi James gegen den Lärm des Außenborders, »Strom, sauberes Wasser, eine Krankenstation. Warum legen sie nicht wenigstens eine Stromleitung ins Dorf nebenan? Wenigstens das!« Das Boot rast durch endlosen Mangrovenwald; ein tiefgrünes Dickicht, dessen ineinander verkrallte Wurzeln aus dem Wasser ragen; immer wieder unterbrochen von Halden grauer Baumskelette, immer wieder ein feiner, matt schillernder Film auf dem Wasser. »Hier in der Gegend ist allein letztes Jahr fünfmal Öl ausgelaufen«, ruft Nengi James in den Motorlärm, »und jedes Mal schreit Shell: Sabotage! Das Öl zerstört unsere Lebensgrundlagen, und die Regierung lässt nichts von den Profiten bei uns ankommen. Wegen solcher Dinge sind unsere Jungs in den Creeks unterwegs; es ist ein Hilferuf, die internationale Gemeinschaft soll kommen und sich einschalten.« Die Jungs in den Creeks, das ist zum Beispiel MEND, »Movement for the emancipation of the Niger Delta«; die Organisation trat Anfang 2006 auf die Weltbühne, als maskierte Männer mit Maschinengewehren eine Ölstation von Shell stürmten und vier Arbeiter als Geiseln nahmen. »Verlasst unser Land, solange ihr könnt, oder sterbt darin«, erklärten die Rebellen, »unser Ziel ist es, die Ölausfuhr aus Nigeria ganz zu stoppen.« Mittlerweile liest die Welt fast wöchentlich von Geiselnahmen im Nigerdelta, es ist ein Business geworden; zu den politischen Rebellen haben sich gewöhnliche Kriminelle gesellt, denen es nur um Lösegeld geht.

Shell, schon seit britischen Kolonialzeiten der größte Ölförderer im Nigerdelta, klagt, man habe wegen der Entführungen und Anschläge die Fördermengen in Nigeria im vergangenen Jahr um die Hälfte zurückfahren müssen - und von der geförderten Menge gehe immer mehr durch lecke Pipelines verloren. »Sabotage war für 94 Prozent davon verantwortlich«, heißt es im Jahresbericht 2005.

All dies geschieht in einer Zeit, in der China über Öl lieferungen aus Nigeria verhandelt, um seinen Wirtschafts boom zu befeuern - und die USA sich fest vorgenommen haben, ihre Öleinfuhren aus Westafrika massiv auszuweiten - um unabhängiger zu werden von den Krisenherden des Nahen Ostens. Schon in zehn Jahren, heißt es in Szenarien der Regierung, könnten 25 bis 30 Prozent des Öls aus der Region kommen; fast doppelt so viel wie heute. Anfang Februar hat das US-Militär begonnen, eine eigene Kommandozentrale für Afrika aufzubauen; »das Africa Command«, verkündete Präsident George W. Bush, »wird unsere Bemühungen verstärken, den Menschen in Afrika Frieden und Sicherheit zu bringen und unsere gemeinsamen Ziele von Entwicklung, Gesundheit, Bildung, Demokratie und wirtschaftlichem Fortschritt in Afrika voranzutreiben.« Von Energiepolitik sprach er nicht, das hatten andere vor ihm getan: »Wir beziehen mehr Öl aus Westafrika als aus dem Nahen Osten«, erklärte ein US-General auf einer Konferenz im April 2004; »es ist ein riesiges, wichtiges Gebiet«, ein anderer warnte davor, Islamisten könnten die Kontrolle über die Ölreserven der Region gewinnen.

Der heutige Verteidigungsminister Robert Gates hat sich laut »Wall Street Journal« kurz vor seinem Amtsantritt in einem Rollenspiel bei einigen hohen Generälen erkundigt, ob man nicht Truppen nach Nigeria schicken könne, um die Ordnung wiederherzustellen. Unterdessen hat die US-Navy bereits Anfang 2005 begonnen, Schiffe im Golf von Guinea zu stationieren, wo immer mehr Öl von Plattformen auf offener See gefördert wird. Und ein US-Thinktank namens »Center for Strategic and International Studies« (CSIS) hat 2005 eine Task-Force »Sicherheit im Golf von Guinea« zusammengerufen. Neben US-Generälen, nigerianischen und amerikanischen Politikern saßen darin auch Vertreter der Ölfirmen Chevron, Exxon, Shell und BP. In ihrem gemeinsamen Report empfiehlt die Task-Force, die USA sollten der »Sicherheit und Staatsführung im Golf von Guinea höchste Priorität verleihen«.

Das Dröhnen des Außenborders wird leiser, das Boot biegt in einen Hafen ein, den Hafen von Nembe, einst ein stolzes afrikanisches Königreich; im Rathaus erinnern Wandgemälde an siegreiche Schlachten gegen die Engländer im 19. Jahrhundert, die das heiß begehrte Palmöl der Region ausbeuteten. Heute ist die Erde von Nembe durchsiebt von hunderten Erdölbohrlöchern. »My chief«, rufen einige, als Nengi aus dem Boot steigt; auf dem Weg durch die Straßen von Nembe folgt ihm eine Traube Jugendlicher. Er führt die Besucher zum Krankenhaus; die Brücke dorthin, die über einen kleinen Flussarm führt, ist gesperrt; lose Planken baumeln herab, man muss in einer wackligen Piroge hinüberpaddeln.

Das Krankenhaus von Nembe ist eine Anlage aus verlassenen Baracken, die Wege dazwischen überwuchert, überall wuseln Eidechsen herum. Die meisten Trakte stehen leer, die meisten Betten sind nackte Gestelle ohne Matratzen. Ein Junge namens Mannas, 25 Jahre alt, liegt draußen auf einer Bank, neben sich eine Pillenschachtel. Er hat sich mit Typhus infiziert, zum vierten Mal im Leben, nachdem er Wasser aus der öffentlichen Leitung getrunken hat. »Der Arzt sagt, ich bin jetzt geheilt«, sagt er, »eigentlich könnte ich gehen. Aber ich habe kein Geld, um die Rechnung zu bezahlen. Und jeder Tag, denn ich notgedrungen länger bleibe, kostet wieder zusätzlich.« Woher soll das Geld kommen? »Ich kann nur hoffen, dass meine Eltern es irgendwie zusammenkriegen. Sie sind Fischer, sie sind jetzt den ganzen Tag draußen auf dem Wasser. Aber weil immer wieder irgendwo Öl ausläuft, sind kaum noch Fische im Fluss.« Angesichts der »erbärmlichen Armut« der Region, heißt es in einem Report der Vereinten Nationen über das Nigerdelta, »gibt es eine handfeste Grundlage für die Forderung der Menschen nach einem größeren Anteil an den gewaltigen Öleinkünften, zumal sie die ganze Last der Umweltschäden tragen, die die Ölindustrie verursacht.« Es war ein Mann namens Ken Saro-Wiwa, Schriftsteller vom Volk der Ogoni, der die Weltöffentlichkeit als Erster auf das Leid der Menschen im Nigerdelta aufmerksam machte. Im Jahr 1990 gründete er die »Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes« (MOSOP); sie forderten gerechten Anteil an den Ölgewinnen, ein Ende der Umweltverseuchung durch Ölaustritte - und des sogenannten »gas flaring«: In den Ölfeldern lagern auch beträchtliche Mengen an Erdgas - und die werden an vielen Pumpstationen verbrannt, weil sich aus Sicht der Konzerne der Aufwand nicht lohnt, das Gas aufzufangen und weiterzuverarbeiten. »The flames of Shell are flames of hell«, sangen die Ogoni bei ihren Protestmärschen. Ken Saro-Wiwa glaubte an den gewaltfreien Widerstand. Am 10. November 1995 ließ das Militärregime ihn und acht seiner Mitstreiter hängen. »Herr, nimm meine Seele«, waren seine letzten Worte, »aber der Kampf geht weiter.« Menschenrechtler werfen Shell bis heute vor, der Konzern habe nicht sein Mögliches getan, um die Hinrichtung zu verhindern.

Das Schicksal der Ogoni war kein Einzelfall: »In praktisch jeder Gemeinde« im Nigerdelta, berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch im Jahr 1999, haben die Menschen erlebt, dass »jene, die protestierten oder eine Entschädigung für die Ölverseuchung forderten, geschlagen, verhaftet oder sogar getötet wurden - seien es Jugendliche, Frauen, Kinder oder Dorfoberhäupter.« Seit 1999 hat Nigeria eine gewählte Regierung, die Zahl der Übergriffe hat abgenommen; aufgehört haben sie nicht: Nachdem im Oktober 2006 eine Rebellenbande einen italienischen Bauarbeiter gekidnappt und dabei einen Soldaten er schossen hatte, brannte das Militär im Gegenzug eine Hüttensiedlung von 3000 Menschen nieder.

Auch Gasfackeln lodern immer noch, in Nigeria so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Zwar haben die Konzerne mittlerweile in große Anlagen investiert, in denen das kostbare Erdgas verflüssigt und verschifft wird, doch noch immer stehen im Nigerdelta heute mindestens 120 fauchende und giftigen Ruß speiende Gasfackeln; manche davon unmittelbar am Rand von Dörfern. Die Umweltorganisation Environmental Rights Action (ERA) schätzt, dass das täglich im Delta abgefackelte Gas bis zu 40 Prozent des jährlichen Gesamtverbrauchs von Afrika abdecken würde - und dass so mehr CO2 in die Atmosphäre gepustet wird als vom gesamten restlichen Afrika südlich der Sahara.

Formal ist gas flaring seit 1984 illegal, doch die Ölfirmen haben der Regierung immer wieder einen Aufschub abgehandelt. Nach der jüngsten Vereinbarung soll bis 2008 komplett Schluss sein; nicht zuletzt wegen der vielen Unruhen aber, gab Shell kürzlich bekannt, sei das technisch unmöglich so schnell zu bewerkstelligen. Man könne aber davon ausgehen, dass »noch in diesem Jahrzehnt« eine Lösung gefunden werde. Noch 2005 hatte ein Shell-Manager der Presse erklärt, die Menschen im Delta schätzten die Gasfackeln - »als Hitzequelle, um Fisch zu trocknen.«

Nigeria ist ein Paradebeispiel für das, was Wirtschaftswissenschaftler »Ressourcenfluch« nennen: Bodenschätze können ein Land ruinieren; der Staat wird abhängig von Exporteinnahmen mit hohen Preisschwankungen, andere Wirtschaftszweige leiden.

Das Elend begann, als 1956 ein paar weiße Männer durch ein Dorf namens Oloibiri im Nigerdelta hüpften und riefen: »Wir haben Öl! Wir haben Öl!« Bis Anfang der 1970er Jahre exportierte Nigeria große Mengen an Agrargütern, heute ist es auf Lebensmitteleinfuhren angewiesen; sogar Benzin muss importiert werden und ist knapp, weil die Raffinerien im Land lahmliegen. Im Jahr 1970 lebte ein Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze, heute sind es mindestens doppelt so viele.

Zudem untergräbt das Öl die politische Kultur: Der Staat bezieht 80 Prozent seiner Einnahmen direkt aus dem Verkauf von Rohöl, ist also nicht auf Steuereinnahmen angewiesen - warum sollte die Regierung daran interessiert sein, in die Entwicklung ihrer Bürger zu investieren?

Wie viel genau der nigerianische Staat aus dem Ölgeschäft einnimmt, ist schwer zu kontrollieren; nach Berechnungen einer Transparenzinitiative waren es im Jahr 2004 rund 27 Milliarden US-Dollar. Mindestens 13 Prozent der Öleinnahmen müssten laut Gesetz in die Herkunftsregionen fließen. Schätzungsweise bis zu 70 Prozent aber verschwinden durch Korruption und Veruntreuung. Am Ende der Kette, bei den Menschen, unter deren Füßen das Öl abgepumpt wird, kommt praktisch nichts an. »Öleinnahmen in Afrika«, sagt Axel Harneit-Sievers, Nigeria-Experte der Heinrich- Böll-Stiftung, »korrodieren staatliche Institutionen und gefährden die Demokratie.«

»Das Delta ist heute ein Ort der enttäuschten Erwartungen und tief verwurzelten Misstrauens«, heißt es in dem Bericht der Vereinten Nationen; »gerade die jungen Menschen fühlen sich zu einer Zukunft ohne Hoffnung verdammt.«

Morgens, wenn die ersten Lichtstrahlen durch die Ritzen ihres fensterlosen Verschlages aus Brettern und Plastiktüten dringen, erhebt sich Mercy, 25, von ihrem Kissen und beginnt zu beten. Sie betet, dass Gott ihr über diesen neuen Tag helfe und dass Eltern und Freunde von Malaria verschont bleiben; dass Frieden über das Nigerdelta komme, dass die Ölkonzerne den jungen Leuten Jobs geben, damit sich die Wut legt und die Jungs ihre Maschinengewehre niederlegen. Manchmal betet sie eine Stunde lang, ehe sie ins Tageslicht tritt.

Dann steigt sie auf ein Motorradtaxi und fährt zum Markt; vorbei an den Sümpfen voller abgeholzter Bäume und Müll, in denen ein paar Verzweifelte mit Fischernetzen umherwaten. Sie kauft einen Beutel Orangen, so viele, wie es der Verdienst der letzten Tage hergibt, und fährt weiter zu ihrem Arbeitsplatz. Der ist ein einsames Verkaufstischchen, überdacht von einem Sonnenschutz aus zerrissener Plastikplane, es steht am Rand einer Ausfallstraße, die zu den Firmensitzen und Pipeline-Baustellen jenseits der Stadtgrenze führt.

Mercy füllt die Orangen in eine Zinkwanne, gießt Wasser darauf und reibt jede einzelne mit einem Lappen ab. Dann legt sie die Orangen auf einen Teller und platziert sie auf dem Holztischchen an der Straße.

Ihr Leben besteht aus Beten und Arbeiten. Ihr Arbeitstag besteht aus Sitzen und Warten, alleine, am Rand der Ausfallstraße. Wenn nach Stunden ein Autofahrer hält und eine Orange kauft, nimmt sie ein Küchenmesser und schabt damit in feinen Streifen die äußere, gelbe Schicht der Schale ab, dann mischt sich für einen Moment Orangenschalenduft in den Staub und die Abgase der Lastwagen. Manchmal hat sie bis zum Abend nicht mehr als drei, vier Orangen verkauft. Sie lebt, wie mehr als zwei Drittel der Menschen im Nigerdelta, von weniger als einem Dollar am Tag.

Manchmal denkt Mercy daran, dass sie eigentlich gern Schneiderin geworden wäre; wenn sie von der Baracke, die ihre Wohnung ist, zum Wasserholen geht, kommt sie immer am Haus des Schneiders vorbei, es ist das schönste in der ganzen Siedlung, gemauert und grasgrün verputzt, und im Eingang hängen bunte Gewänder für Frauen und Männer; schon als Kind wollte sie auch solche Kleider schneidern. Ihr älterer Bruder hat ihr geholfen, eine Ausbildung als Schreibkraft zu finanzieren; drei Jahre lang lernte sie das Maschineschreiben, aber als sie fertig war, hatten die wenigen Firmen, die überhaupt Leute einstellen, alle auf Computer umgerüstet. Manchmal, wenn wieder ein Malariaschub ihren Körper durchfährt und das Fieber nicht allzu extrem ist, fährt sie trotzdem zur Arbeit und verbringt den Tag liegend auf einer Bastmatte; dort liegt sie manchmal auch an normalen Tagen für ein, zwei Stunden am Mittag, wenn die Hitze unerträglich wird, und schläft. Die Orangen lässt sie auf dem Verkaufstischchen an der Straße stehen. Hat sie keine Angst, dass jemand die Orangen stiehlt? »Nein«, sagt Mercy, »das ist bisher noch nie passiert. Und wenn sie jemand stehlen sollte, dann wäre das sicher ein sehr armer Mensch Ich könnte ihm nicht böse sein.«

Wohin man auch geht im Nigerdelta; überall trifft man junge Menschen, die sagen: Gebt uns Bildung, ein Studium, die Chance, uns selbst zu entwickeln, das wäre schon ein großer Schritt in Richtung Ruhe und Frieden.

Man trifft Leute wie Agua Diepreye, 23, der davon träumt, Philosophieprofessor zu werden. »Ich liebe Bildung«, sagt er, »ich wünsche mir, dass alle Menschen im Bundesstaat Bayelsa zu gebildeten Menschen werden. Unser Öl würde ausreichen, um jeden zu ernähren und jedem ein Studium zu finanzieren.« Sein Philosophiestudium finanziert er, indem er tagsüber Zementsäcke schleppt und Fliesen verlegt; so verpasst er natürlich einen Großteil der Vorlesungen; deshalb sitzt er nachts wach und liest fotokopierte Bücher über Sokrates und Platon; er schläft selten mehr als drei, vier Stunden. Man trifft Leute wie John Obi, 29, der im Morgengrauen einen mächtigen Handkarren voller Trinkwasserkanister durch die tosenden Straßen von Yenagoa schiebt - in der Hauptstadt des Bundesstaates Bayelsa gibt es weder ein öffentliches Wassernoch ein Stromnetz. Auch Obi hat die Hoffnung, sich je eine Ausbildung leisten zu können, längst aufgegeben.

Sonntags zieht Mercy ihr schönstes Kleid an, blütenweiß, und fährt mit dem Bus oder dem Motorradtaxi zur Kirche; die Hin- und Rückfahrt kostet fast einen Tageslohn. Das Nigerdelta ist voll von christlichen Freikirchen und Sekten; die Religion, die weiße Missionare im Windschatten der Kolonialisten ins Land brachten, ist heute für viele der einzige Halt und Trost.

Die Kirche heißt »Bright Revival Fellowship«, ihr Versammlungsort ist der Klassenraum einer Grundschule. Mercy kauert sich auf eine der Holzbänke; der Priester beginnt zu predigen gegen die Gier in der Welt, gegen Hartherzigkeit und das Recht des Stärkeren, er predigt sich in Rage, seine Stimme wird laut und heiserer, sein Zeigefinger saust schneidend durch die Luft.

Dann sagt er: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Er stimmt einen Gospel an, alle singen: »Lehre mich, Herr, auf Knien zu warten; zu warten auf eine Antwort von dir.« Mercys Lippen bewegen sich fast unmerklich, ihre Augen sind geschlossen; dann sinkt ihr Oberkörper in dem blütenweißen Kleid auf den zerschrammten Schultisch.

Nach dem Gebet umspielt ein Lächeln ihre Lippen, die Gottesdienste geben ihr Zuversicht, sagt sie; vielleicht wird ja im April alles ein bisschen besser, wenn die Leute wieder mehr Geld für Orangen ausgeben können, im Moment haben die meisten halt noch sehr wenig in der Tasche, weil sie Weihnachtsgeschenke gekauft haben; der Zustand dauert meistens bis Ende März.

Ihre Hoffnung ist, dass sie es sich irgendwann leisten kann, ihr Geschäft auszubauen; auf dem Markt auch Ananas zu verkaufen und Kekse und Trinkwasser in Beuteln. Vielleicht kann sie eines Tages in ein richtiges Haus ziehen, mit Mauern und Fenstern. In ihrem Heimatdorf, hat sie gehört, wurde vor kurzem Öl gefunden; Shell will dort noch dieses Jahr anfangen zu bohren.

Vielleicht bricht ja dann für die Leute in ihrer Gemeinde ein neues Zeitalter an, vielleicht wird Shell ja den Jugendlichen aus der Gemeinde Stipendien geben und dem ein oder anderen sogar einen Job. Doch, sagt Mercy, denkbar wäre das.

Sie hat heute in der Kirche dafür gebetet.