Im Ernst. Du siehst umwerfend aus."

> Tobias Zick

Dummy Nr. 13 - Werben&Verkaufen - Winter 2006/2007

Keiner kriegt mehr Frauen rum als die Papagalli in Rimini - ein Epilog

In den Dünen fing alles an. Die Dünen, die längst keine mehr sind; flachgewalzt zu einer parzellierten Sandwüste und abgeriegelt von einer lückenlosen Hotelfront. „Liebe am Strand, das war kein Zuckerschlecken”, sagt Antonio Quarto und schlägt den Kragen hoch. „Der Sand überall. Manchmal kamen Fischer. Am schlimmsten war’s, wenn es geregnet hatte. Aber ein Auto konnte sich zu der Zeit halt keiner von uns leisten.”

Er sitzt vor dem Caffè delle Rose, das einmal ihm gehörte, und erzählt von den Zeiten, als Männer noch keine Angst vor Frauen hatten. Als das Prädikat „Latin Lover” ein Blankoscheck war. Als sie schon am Flughafen bereit standen, um die nächste Tristar-Maschine voller Schwedinnen abzufangen. „Heute bin ich aus dem Alter raus”, sagt er. „Obwohl, wenn ich wollte, könnte ich natürlich jederzeit.”

Antonio Quarto Pasini, kurz Quarto, ist jetzt 67 und stadtbekannt als Vorzeige-Exemplar der Gattung Latin Lover. Jemand hat ihn mal den „Regisseur des Dolce Vita” genannt; in seinen besten Jahren war er Besitzer von sieben Bars in Rimini, zur Eröffnung des Caffè delle Rose kamen Federico Fellini und sein Drehbuchautor Tonino Guerra. „Ich hatte allein schon vom Beruf her einen Startvorteil”, sagt er.

Wieviele Frauen, Signor Quarto? Alles in allem?

Er schnalzt mit der Zunge. „Ich habe doch nicht gezählt. Welchen Sinn hätte das?”

Könnte man sagen: mehrere Hundert?

Wieder ein Schnalzen. „Na, das allemal. Aber wie gesagt, genau kann ich es nicht sagen. Ist doch auch nicht nötig.”

Er trägt Fliegerjacke und grünen Seidenschal, sonnengebräuntes Gesicht, zurückgekämmtes silbriges Haar mit einem Hauch von Blaustich. Die italienische Sprache tut ihr übriges, dass ein Wort wie scopare – auf Deutsch gibt es dafür nur verklemmte bis vulgäre Entsprechungen - irgendwie immer noch gentlemanlike daherkommt.

Als Antonio Quarto Pasini ein Junge war, da war Rimini ein armes Fischerdorf wie viele andere an der italienischen Adria. Es gab Sand, Sonne und das Meer, und Europa lag in Trümmern. Als die ersten Touristinnen aus dem Norden kamen, blickten sie in ungekannt dunkle Männeraugen; hörten samtige Stimmen, sie säuselten Komplimente, die so echt klangen wie das Blau des Himmels. Die Vorzüge des „Latin Lovers” sprachen sich in Europa herum. Es kamen immer mehr Touristinnen. Die Hotels sprossen wie Gänseblümchen aus dem Boden.

Der Strand, der einmal eine Dünenlandschaft war, ist leer bis auf zwei Kitesurfer; die durchnummerierten Umkleidebuden sind verrammelt, ein schneidender Wind fegt Schlieren über den Sand. Es ist Nachsaison in Rimini.

„Wenn man ehrlich ist”, sagt Quarto, „dann hat unser Meer sicher seinen Teil dazu beigetragen. Wer hierher kam, war weit weg vom Alltag. Gutes Essen, Sommernächte, Wein, das ist schon mal eine gute Basis. Die Damen kamen hierher, um sich zu amüsieren. Und Recht hatten sie.”

Beigetragen haben vielleicht auch die deutschen Männer, die eher untereinander die Köpfe zusammensteckten und sich betranken. Und beigetragen haben auch die Schwedinnen. Die Ankunft der ersten Schwedinnen muss für die Männer von Rimini etwa so erschütternd gewesen sein wie Kolumbus’ Landung auf den Bahamas. „Wir waren ja schüchtern damals”, sagt Quarto; katholisch, bieder, ein bisschen verklemmt. Dann kamen die großen Frauen aus dem Norden mit ihren blonden Haaren, großen Brüsten und strahlendem Selbstbewusstsein. Nachdem sich die erste Verstörung gelegt hatte, machte man sich regelmäßig auf zum Flughafen, um den nächsten Jet abzuwarten. Noch heute kommen einigen die Tränen, wenn man sie nach diesen Zeiten fragt.

Was habt ihr gemacht, Quarto? Was ist das Geheimnis?

„Was haben wir schon gemacht? Komplimente. Das ist es doch, jede Frau will sich besonders fühlen, einzigartig, unverwechselbar, die Nummer Eins. Es gibt kein kompliziertes Rezept. Lass sie den ersten Schritt machen, erkenne, wenn sie interessiert ist, lad sie ein. Bring sie zum Lachen, gib ihr das Gefühl, rundum in Sicherheit zu sein. Dränge sie niemals zu irgendetwas, das sie nicht will. Und nimm dich selber nicht zu ernst.”

Er steht auf, um eine Bekannte mit Wangenküsschen zu begrüßen; tiefschwarzes langes Haar, Mitte Dreißig, Trenchcoat und rote Turnschuhe und ein Schoßhündchen, das an der Leine zerrt. Ihre Sonnenbrille behält sie auf, sie hat die Grippe und Kopfschmerzen, „furchtbar”, stöhnt sie, „ich sehe heute aus wie ein Wrack.” - „Aber nein”, sagt Quarto, „ich bitte dich! Im Ernst. Du siehst umwerfend aus.” - „Wirklich?” fragt sie, und schon ehe er weiterschmeichelt, hellt sich ihre gequälte Miene zu einem Lächeln auf.

Sie heißt Lu und ist Journalistin; Single, wie viele hier. „Der klassische Rimineser Mann”, erklärt sie später, „ist wahnsinnig unzuverlässig. Ein Meister der Anbahnung, aber sobald es in die nächste Phase geht, ins Vertiefen einer Beziehung geht, kannst du ihn vergessen.”

Es muss das enorme Überangebot, das ständige Kommen und Gehen gewesen sein, dass die Kultur der Männlichkeit in Rimini immer buntere Blüten hat treiben lassen. Die Generation nach Antonio Quarto fing an, einen Sport daraus zu machen; man traf sich im Hinterzimmer der Disco-Bar BlowUp, dort hing eine Tafel. Mit Kreidestrichen zählte man zusammen, je nach bewältigtem Schwierigkeitsgrad. Schwedin: einen Punkt. Deutsche: drei Punkte. Finnin: einen halben Punkt. Italienerin aus Brescia: zu einfach - alle Punkte löschen, zurück auf Null.

Gewinner fast jeder Saison war der Mann, den sie Zanza nennen; Maurizio Zanfanti, seine goldenen Zeiten sind seit Ende der 1980er vorbei, keiner weiß genau, wo er sich herumtreibt, aber sein hochpotenter Geist schwebt über jedem Gespräch zu dem Thema. Zanza, wie zanzara, die Mücke. Stechen und dann wegfliegen. Nicht der klassische Verführer wie Quarto, sondern ein Draufgänger aus der Vorstadt. In seinem Rekordjahr soll Zanza 207 Frauen befriedigt haben; bis zu vier pro Tag, zwei am Nachmittag, zwei in der Nacht. Manchmal, erzählt man sich, habe es vom Kennenlernen bis zum Vollzug nur fünf Minuten gedauert.

„Heute sind die Männer eher ängstlich”, sagt Lu. „Es ist fast aussichtlos, einen zu finden, der ein richtiger Mann ist. Verführer und Beschützer zugleich. Die meisten kommen nicht damit zurecht, dass heute eher die Frauen die Initiative ergreifen. Sie fliehen regelrecht.”

Es gab sogar schon eine Studie zu dem Thema. Der Latin Lover stirbt aus, war das Fazit; zwei Drittel der befragten jungen Männer gaben an, „schüchtern” zu sein, viele äußerten diffuse Ängste davor, in Badehose gesehen zu werden.

Gegenüber vom Caffè delle Rose; eine Bar namens Pascucci, früher hieß sie Chez Vous und gehörte zu Quartos Imperium. Verspiegelter Tresen, helle Ledersofas, Großbildleinwand; hier wogt das gemächliche Leben der Nachsaison. Zwei Jungs, Anfang zwanzig, halten sich an ihren Aperitiven fest, lassen die Blick schweifen, machen keinerlei Anstalten, irgendwen anzusprechen; als die Gläser leer sind, ziehen sie von dannen. Hinten in der Ecke, vor der Großbildleinwand, sitzt eine größere Runde von Männern; man könnte sie alt nennen, aber damit täte man ihnen Unrecht; alle sind um die achtzig, und sie lassen sich nicht lang bitten, mit Leuchten in den Augen von früher zu erzählen, als Rimini noch schön war und nicht so verbaut und voller Leute, die das Lächeln verlernt haben. Die Stimmung pulsiert irgendwo zwischen einem frühen Fellini-Film und Buena Vista Social Club; es ist keiner dabei, in dessen Gesicht sich nicht im Laufe der acht Jahrzehnte die eine oder andere Lachfalte eingegraben hat.

„Ihr Jungen, ihr seid schon eine komische Generation”, sagt Dottor Abo Cardelli, Arzt im Ruhestand, weißer Hemdkragen und Seitenscheitel, auch er will sich nicht auf Zahlen festlegen lassen; „was habt ihr für ein Verhältnis zu Frauen? Ihr habt Angst, weil sie heute so selbstbewusst sind.”

Sie erzählen von den Zeiten, als man noch Dinge einfach tat, anstatt ewig nachzudenken; von unehelichen Kindern in Schweden, die bis heute ein Geheimnis sind; von Botschaften an die Ehefrau wie: Mein Herz gehört für immer dir, aber was sich unter der Gürtellinie abspielt, dafür kann ich nichts garantieren.

„Mir waren die Deutschen am liebsten”, sagt Abo, „wenn man erst das Eis gebrochen hatte, konnte man mit denen viel Spaß haben.” Piero Para, 85, protestiert: „Ach, die Deutschen, mit den Schwedinnen war’s doch viel lustiger.” Die Schwedinnen, widerspricht Abo, „bei denen war immer irgendeine Krise. Ich habe ja als Arzt öfters welche in der Sprechstunde gehabt, bei denen ist der Winter einfach zu lang.” Und was ist mit den Engländerinnen? „Vergiss die Engländerinnen, die haben oft schlecht gerochen. Die hatten ja nicht mal Bidets bei sich zu Hause.”

Wahrscheinlich, sagt Giorgio, 80, haben sie in Rimini einfach nur Glück gehabt. Das Meer, der Strand, die Touristenströme in der Nachkriegszeit. „Ihr im Norden habt das Konzept des Latin Lovers erfunden, und wir haben uns alle Mühe gegeben, es zu erfüllen.”

Antonio Quarto kommt zur Tür herein, schon von weitem zu erkennen an seinem grünen Seidenschal; er tigert durch die Gänge, sucht eine junge Frau, Ende zwanzig, die ihm vorgestern gesagt hatte, sie würde wiederkommen, um ihn zu treffen, diesmal dann ohne ihren Freund. Er schleicht vorbei an einem Tisch mit drei Frauen, schaut unauffällig zu einer von ihnen hinüber, nein, die war’s nicht.

Vorhin hatte er erzählt, wie er mit achtzehn geheiratet hatte; sie hatten sich früh getrennt, als er auf den Geschmack all der Freiheiten gekommen war, aber sie waren ein Leben lang befreundet geblieben. Vor zwei Jahren ist sie gestorben.

„Manchmal, wenn ich jetzt so zu Hause sitze mit meiner Katze”, sagt er, „dann merke ich doch, dass ich sie ganz schön vermisse.”